Radikaldemokratisches Erzählinteresse. Der vorliegende Band vereinigt F.-M. Balzers gesammelte Aufsätze zur Geschichte des Religiösen Sozialismus in der Weimarer Republik und ihre Folgen. Der Verf. ist durch mehrere Arbeiten als Politologe und Kritiker der Zeitgeschichte sowie speziell des Antifaschismus in Kirche und Staat ausgewiesen. Man ist erfreut, hier Balzers Arbeiten über die beiden Marburger Theologen Martin Rade und Georg Wünsch (radikaler Demokrat der eine, Religiöser Sozialist der andere) sowie über Erwin Eckert, den bedeutenden „Volks- und Kirchentribun“ in einem Bande vereinigt zu sehen.
Vor allem Eckert, dem Balzer bereits seine politikwissenschaftliche Dissertation (bei Wolfgang Abendroth) widmete, wird noch einmal in verschiedenen Facetten dargestellt. (Besonders anrührend, auch wegen des Zeugnisses von Heinz Kappes über Eckert, die Trauerrede für Elisabeth Eckert, die bewundernswerte Lebensgefährtin von Erwin Eckert.)
Auch andere Namen von kaum geringerem Gewicht werden dem Vergessen entrissen: Heinz Kappes, Arthur Rackwitz, Hans Francke, Ludwig Simon. Sie alle verdienen es, in der noch zu schreibenden Geschichte des Religiösen Sozialismus in Deutschland einen würdigen Platz zu bekommen. Nachdenkenswert ist auch der Beitrag über „Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Erwin Eckert: Unterschiedliche Traditionslinien, gemeinsam verpflichtendes antifaschistisches Erbe“, wie überhaupt neben dem religiös-sozialistischen und radikaldemokratischen Erzählinteresse vor allem die Problematik des Antifaschismus in den Vordergrund tritt.
Wahrlich, der Antifaschismus im Spannungsfeld Kirche - Staat war alles andere als nachhaltig: umso mehr gilt es die Rinnsale dieser Kampf- und Leidensgeschichte festzuhalten. -
Balzer packt auch mit Geschick und Überzeugungskraft das Thema „Marxismus und Protestantismus“ an. Er nimmt auch kritisch zu bestimmten Erscheinungen des Nationalismus und der übertriebenen Staatstreue in Pfarrerschaft und Kirche in diesem Jahrhundert Stellung (August Winnig, Hanns Lilje).
Alles in allem ein Buch, dem man viele kritische Leser wünscht. Im Vergleich zum literarischen Gesamtwerk des Verf. wird man sagen können: ein echter Balzer!“. Heinz Röhr, Frankfurt, in: Christ und Sozialist 1/1992, S. 45


Gegen den Strom, Miszellen zur Geschichte des deutschen Protestantismus. Unter diesem Titel legt Friedrich-Martin Balzer, Marburger Politologe und international bekannt als spiritus rector des „Marburger Forums“, im Verlag Arbeit & Gesellschaft, Marburg 1990, eine Sammlung von Essays vor, die zwischen 1964 und 1989 entstanden sind.
In seinem Nachwort nennt Gert Wendelborn die durchgängige Thematik der Aufsätze: „Hier ist ganz primär die Rede von evangelischen Christen, die seit der Weimarer Republik und teilweise sogar schon zuvor sich gegen den Strom der vorherrschenden kirchlichen und politischen Linie bewegten und alle Folgen auf sich nahmen.“ Wendelborn empfiehlt das Buch insbesondere, „weil man hier so vieles über den Bund der Religiösen Sozialisten und einige seiner Gestalten - allen voran Erwin Eckert, aber auch Heinz Kappes, Arthur Rackwitz, Georg Wünsch, Hans Francke und Ludwig Simon, dazu über den nimmermüden Überzeugungsdemokraten Martin Rade erfährt.“ Wendelborn reflektiert, daß die Präsentation dieser Schwimmer gegen den Strom - („Mit dem Strom schwimmen nur Leichen“) - selbst gegen den Strom erfolgt: Weniger denn je gehören die von Balzer ins Licht gerückten religiösen Sozialisten „zu jenen Gestalten der evangelischen deutschen Kirchengeschichte des 2o. Jahrhunderts, die sich allgemeiner Aufmerksamkeit oder gar Billigung erfreuen können. Ihre Erinnerung ist von der Kirche (fast) völlig verdrängt worden. Der gegenwärtige historische Augenblick scheint weniger denn je geeignet, sie wieder populär zu machen. Aber es liegt für den Unvoreingenommenen zutage, daß sie als unermüdliche Warner vor dem und Kämpfer gegen den Faschismus mindestens seit 1930 in vollem Recht waren. Sie schrieben, redeten und handelten in prophetischer Klarsicht, wußten die Zeichen der Zeit zu deuten... Was aber ihr soziales, ja sozialistisches Engagement betrifft, so scheiden sich an ihm nach wie vor und mehr denn je die Geister. Das war schon bei den altestamentlichen Propheten, bei Jesus und den Aposteln nicht anders. Die Frage nach wahrer und falscher Prophetie ist bedrängender denn je, und wer wüßte nicht um die Qualen geschichtlicher Entscheidungen?“
In den Aufsätzen Balzers - „erzogen von einem so scharfsinnigen und integren Gelehrten wie Wolfgang Abendroth“ - wird die Stimme eines freien Menschen laut. Und das ist erquickend in einer Zeit, von der in so hohem Maße Schillers Reiterlied gilt: „Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist, man sieht nur Herren und Knechte; die Falschheit herrschet, die Hinterlist bei dem feigen Menschengeschlechte“. Ich kann nur unterstreichen, was Wendelborn über den Autor sagt: „Indem Balzer seine Arbeiten seit den sechziger Jahren aufs neue der Öffentlichkeit übergibt, bekennt er sich zu seiner Vergangenheit und bezeugt seinen Willen zur Kontinuität ungeachtet sehr veränderter Bedingungen. Nein, ein Opportunist war er niemals und ist es auch heute nicht. Jeder Demokrat, auch wenn er anderer Meinung ist, sollte es ihm danken. Wir brauchen heute mehr denn je diese starken Charaktere, diese unbequemen Mahner, diese wachen Kritiker. Es ist ja für den Eingeweihten keine Frage, daß er auch mit seinem scharfen Urteil über die damalige offizielle Kirche im Recht ist...“
Wendelborn deutet nur zurückhaltend in seinem Nachwort an, daß das Buch auch zwischen Theologen „linker Orthodoxie“ und den Erben des Religiösen Sozialismus heute noch Fragen aufwirft. Wendelborn dazu: Balzers „letzter Aufsatz ... weist auch auf Möglichkeiten eines geduldigen Dialogs mit dem Verfasser hin. Dieser scheint mir unumgänglich, wo er über die Bekennende Kirche urteilt...“ Balzer „selbst nennt in seinem letzten Aufsatz Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer als Vertreter der wahren Kirche neben Eckert. Dies dürfte ein guter Einstieg in eine noch lange nicht abgeschlossene Sachdiskussion sein - und eine literarische Publikation ist allemal so gut, wie sie auch zu fruchtbarem und weiterführendem Widerspruch anregt.“
Das Feld gesellschaftsgeschichtlichen, kirchengeschichtlichen und theologischen Widerspruchs, das sich hier eröffnet - und zwar in der Perspektive, durch den Widerspruch zur Verständigung zu finden - sei hier nur knapp skizziert:
Lange Zeit haben sich Erben der Bekennenden Kirche und des Religiösen Sozialismus gegenseitig vorgeworfen, ihre Väter seien nicht zureichend gegen nationalsozialistische Verführung immunisiert gewesen. Dabei wurde oft das eigene und das andere Lager mit zweierlei Maß gemessen - und dementsprechend auf der eigenen Seite in apologetischem Interesse nicht kritisch genug differenziert. Tatsächlich wirkte auf Seiten der Bekennenden Kirche (umfassend und verhängnisvoll) die nationale Demagogie der NSDAP verführerisch - jedoch im Lager der religiösen Sozialisten ebenso die soziale Demagogie (von schlichter Feigheit auf beiden Seiten einmal abgesehen). Darum sollte man beides nicht verschweigen: weder die nationalklerikalen Unfälle auf der einen, noch die sozialklerikalen Unfälle - von Wünsch bis Barnikol, die ins Lager der Nazis überliefen, - auf der anderen Seite. Messen wir uns doch gegenseitig lieber an denen, die „gestanden“ haben, - von Erwin Eckert bis zu Dietrich Bonhoeffer - als an denen, die „umgefallen“ sind! Und konzedieren wir uns, daß unsere Väter auf beiden Seiten besonders versuchlich waren, wo es um „Volksmission“, um „Volkskirchlichkeit“, um „positives Christentum“ ging - all das für die einen aus konservativer, für die anderen aus liberalen oder lebensphilosophischer Tradition verführerisch.
Wichtiger, aber unter uns noch immer offen, bleibt die theologische Frage: Ist eigentlich auch für Christen und ihre Theologie das (insbesondere politische) Ethos derart normativ, daß von „Mißbrauch“ des Namens Jesu Christi, wie wir sagen würden, vom „politischen Mißbrauch der Religion“, wie es charakteristischerweise auf der anderen Seite heißt, nur dann die Rede sein kann, wenn die Politik, für die man sich unter Berufung auf den Namen Jesu Christi oder auf das Evangelium und Gesetz Gottes engagiert, ethisch verwerflich ist? Oder führt man den Namen Gottes bereits dann mißbräuchlich und „unnütz“, wenn man ihn überhaupt für die eigene politische Sache ins Feld führt? Dabei sei ohne weiteres zugegeben: das hat die kirchliche Rechte stets wirksamer, unverantwortlicher und verhängnisvoller getan als die kirchliche Linke. - Vor allem aber sei bei alledem konzediert: Solange religiöse Sozialisten im Namen Jesu von politischen Dämonen Besessene geheilt und Teufel ausgetrieben haben, sind wir, die wir theologisch anders, dialektisch, nichtreligiös denken, nicht zu ihren Richtern berufen: „Wer nicht wider uns ist, der ist für uns“(Mark.9,4o). Erben der Bekennenden Kirche, der Reformation und Dialektischen Theologie und Erben Thomas Müntzers, Weitlings und des Religiösen Sozialismus sollten gemeinsam üben, sich unter dieser Devise zu begegnen. Balzers Buch ist auf weite Strecken ein Lehrbuch für diesen Weg - erfreulicher Weise für die „andere Seite“ immer aufgeschlossener, je später die Aufsätze entstanden sind.“ Hanfried Müller, in: WEISSENSEER BLÄTTER, 4/1991, S.47f.

Ein unzeitgemäßes Buch? Der Autor, bekannt durch seine Arbeiten zur Geschichte der Religiösen Sozialisten, legt hier eine Sammlung kürzerer Beiträge vor, die in den Jahren 1964 bis 1989 entstanden sind, Einzelstudien zum Kirchenkampf, zum soziologischen Hintergrund der Kirchengremien der religiös-sozialistischen Bewegung, vor allem aber die biographische Skizze führender Persönlichkeiten dieser Bewegung. Einige Beiträge sind bekannten Vätern (und einer Mutter, die Trauerrede auf Elisabeth Eckert ist mitaufgenommen) gewidmet; Georg Wünsch fehlt nicht, Karl Barths und Martin Rades Stellungnahmen zu konkreten Anlässen werden mitgeteilt. Daneben aber stehen weniger bekannte; Arthur Rackwitz, Hans Francke, Ludwig Simon, so daß man einen Eindruck von der Vielfalt der Werdegänge linker Christen erhält.
Interessant ist vor allem zweierlei: einmal die unterschiedliche Einstellung zur Bekennenden Kirche; Rackwitz z.B. trat ihr erst 1935 bei, weil ihm ihr Kampf nicht politisch genug war, erklärt aber später dazu, sie sei doch „die einzige Stelle“ gewesen, „an der Hitler Schiffbruch erlitt. Es gelang ihm nicht, aus der Kirche das zu machen, was er daraus machen wollte.“ Zum anderen: Balzer arbeitet mehrfach heraus, daß der Bund der Religiösen Sozialisten gewissermaßen zwischen zwei Stühlen saß: die Arbeiter, um die es ihnen ging, waren größtenteils der Kirche so weit entfremdet, daß es auch bei noch vorhandener formaler Kirchenzugehörigkeit nicht gelang, sie in nennenswertem Maße z.B. für Kirchenwahlen zu mobilisieren; die wohlmeinenden bürgerlichen Mitglieder aber, durch Herkunft, Bildung und berufliche Stellung weit vom Proletariat entfernt, kämpften im Grunde nicht für ihre eigene Sache, und nur wenige überwanden diese Schranke so konsequent wie Erwin Eckert, dem mehrere Beiträge gewidmet sind.
Noch einmal: ein unzeitgemäßes Buch, jetzt, nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus? Ganz und gar nicht, will mir scheinen. Denn es ist ja leider auch die Zeit eines neu auflebenden Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Wie anfällig die evangelische Kirche damals dafür war, bis tief in die Bekennende Kirche hinein, ist bekannt und wird im Buch am Beispiel von Hanns Lilje (und August Winnig) dargestellt. Hier aber finden wir bei den führenden Persönlichkeiten der Religiösen Sozialisten eine so eindeutig klare Stellungnahme, daß man wünschen möchte, sie hätten die Mehrheit zumindest in der Bekennenden Kirche gestellt. Wieder gilt dies in besonderem Maße von Eckert (dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr ansteht), aber nicht nur von ihm. Hervorzuheben ist eine Predigt im Konzentrationslager: der damals 28jährige Simon hielt sie am 21. März 1933, dem Tag, an dem der Reichstag zusammentrat und eine Welle nationalistischer Begeisterung auch durch die Kirche ging. Die Predigt ist, samt packender Schilderung der Begleitumstände, in diesem Buch nachzulesen (S.204). Damals gehörte Mut dazu, viel Mut. Eigene Erfahrungen mit Zuchthaus, Konzentrationslager, Gefängnis, Folter, zumindest aber schweren dienstlichen Nachteilen, haben fast alle Dargestellten gemacht. Ob wir heute genug vom gleichen Mut und Ernst aufbringen, um unheilvollen Entwicklungen gemeinsam entgegenzutreten? Das Gespräch mit den Vätern der zwanziger Jahre kann uns dabei nur hilfreich sein. Marie Veit, in: JUNGE KIRCHE, 5/1993, S. 316f.

„Klassengegensätze in der Kirche“. Im Vorwort eines der drei Bücher, die nachfolgend angezeigt werden, steht der Satz, daß sich „die 'Politischen' ... nicht für Kirchengeschichte und die 'Kirchlichen' sich kaum für Kirchengeschichte als Sozialgeschichte und politische Geschichte, erst recht nicht, wenn die Geschichte der Arbeiterbewegung und ihres linken Flügels inbegriffen ist, interessieren“. Ich schicke dies voraus, weil manche Leser der „Marxistischen Blätter“ vielleicht dem Trugschluß erliegen, es gehe nicht um die sozialistische Linke insgesamt, weil um „Kirchliches“. Immerhin hatte Lenin einst, vor allem in seinem Buch „Was tun?“ aus dem Jahre 1903 - recht früh betont, Klassenbewußtsein der Arbeiterinnen und Arbeiter könne nicht herausgebildet werden, wenn man sich nicht um ein gründliches Verständnis aller Seiten des gesellschaftlichen Lebens bemühe.
Hinzuweisen ist also auf drei Bücher, die einen inneren Zusammenhang aufweisen:

  1. Friedrich-Martin Balzer, Klassengegensätze in der Kirche. Erwin Eckert und der Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands. Mit einem Vorwort von Wolfgang Abendroth, Köln 1973, 2. Auflage Köln 1975, 296 Seiten;
  2. Friedrich-Martin Balzer/Karl Ulrich Schnell, Der Fall Erwin Eckert. Zum Verhältnis von Protestantismus und Faschismus am Ende der Weimarer Republik. Mit einem Vorwort von Hans Prolingheuer. Köln 1987, 218 Seiten;
  3. Friedrich-Martin Balzer, Miszellen zur Geschichte des deutschen Protestantismus, „Gegen den Strom“. Mit einem Nachwort von Gert Wendelborn, Rostock; Marburg 1990, Verlag Arbeit und Gesellschaft, ISBN 3-89419-018-3; 242 Seiten, DM 20.-

Marxisten mißachten oft den Unterschied zwischen Religion und Kirche. Natürlich sind beide nichts völlig Getrenntes, aber Ideen sind eine Sache, Organisationen und Institutionen eine andere, wie ja auch am Beispiel des Unterschieds zwischen sozialistischen Ideen und sozialistischer Organisation bzw. staatlicher Institution zu sehen ist. Der Unterschied ist gerade im Fall der Religion und der Kirche wichtig, weil in der Klassengesellschaft solche Organisationen, wie Kirchen, unter dem Gesichtspunkt gemeinsam bejahter religiöser Ideen Menschen verschiedener Klassenzugehörigkeit vereinen, diese Organisationen aber dennoch einen eindeutigen Klassencharakter annehmen.
Nehmen wir sofort ein Beispiel aus dem letzten der erschienenen Bücher: „Die Führung der obersten preußischen evangelischen Kirchenbehörde ... liegt 1929 in den Händen des deutschnationalen Rittergutsbesitzers Winckler. Unter den geistlichen Mitgliedern des Senats sind 16 Generalsuperintendenten und Superintendenten, 2 Konsistorialräte und 5 Oberkirchenratsmitglieder. Außer den geistlichen Mitgliedern sitzen in diesem Senat: Majoratsherr Graf von Seidlitz-Sandrecki, Rittergutsbesitzer von Bernuth, Majoratsherr Graf von Arnim-Boitzenburg, Rittergutsbesitzer von Arnim-Kröchlendorf, Wirklicher Geheimer Rat D. von Berg, Regierungspräsident a.D. Dr. Schilling, Geheimer Oberjustizrat und Senatspräsident am Kammergericht Berlin-Lankwitz Dr. Preiser, Justizrat, Rechtsanwalt und Notar Hallersleben, der deutschnationale Oberstudiendirektor Glage, sowie der deutschnationale 'Arbeitersekretär' Hartwig“ usw. usf..
Ein zweites Beispiel aus dem gleichen Buch: „Zur sozialen Herkunft des protestantischen Pfarrers in der Weimarer Republik kam das Kirchliche Jahrbuch von 1930 zu folgendem Ergebnis: 60,4% der evangelischen Pfarrer entstammten den akademischen Mittelschichten; 28% der Geistlichen waren Söhne von evangelischen Pfarrern, 9,7% von Lehrern mit akademischer Vorbildung, 7,1% von Beamten mit akademischer Vorbildung, 6,3% von Hochschullehrern, 5,3% von Rechtsanwälten und Notaren und 4% von Ärzten“.
Ich fühlte mich beim Lesen dieser Passagen übrigens an Analysen erinnert, die sich auf die soziale Herkunft der deutschen Richterschaft während der gleichen Zeit beziehen (Wolfgang Kaupen, Die Hüter von Recht und Ordnung, Neuwied/Berlin 1969). Ich erwähne das auch wegen der engen Verzahnung von Religion, Recht und Moral. Jedenfalls ist hier deutlich, was es mit der sog. großen Volkskirche, die der deutsche Protestantismus doch sein wollte und will, auf sich hat - übrigens auch, was vom demokratischen Charakter der vielbeschworenen Weimarer Republik wirklich zu halten ist.
Es darf also niemanden verwundern, wenn der von Erwin Eckert geführte Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands von dieser Kirchenführung als eine Art Schande im eigenen Hause angesehen wurde - oder, um ein uns näher liegendes Beispiel zu nennen: der Woytila-Papst einige stockkonservative deutsche Kirchenobere ausersah, um die Munition gegen die Theologie der Befreiung anzufertigen: den Ruhrbischof Hengsbach und den Münchner Kardinal Ratzinger. Soll ich noch eins „draufsetzen“? Stellt sich nicht von Tag zu Tag deutlicher heraus, daß der Apparat der Evangelischen Kirche Deutschlands das konspirative Auffangbecken für die Unterminierung der DDR bildete (eine andere Frage ist es, wie regierende Kommunisten den Unterminierern ihre Arbeit erleichterten!).
Auch das ist bei solcher Sachlage nichts Verwunderliches, daß aus den tonangebenden Kreisen dieser Kirche nicht nur kein Widerstand gegen den heraufkommenden deutschen Faschismus geleistet wurde, im Gegenteil. Balzer/Schnell schildern in „Der Fall Erwin Eckert“ den Kampf Erwin Eckerts an der Spitze des Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands gegen dieses drohende Unheil.
Damit bin ich aber unmerklich auf andere Kräfte zu sprechen gekommen: auf gewisse Minderheiten am Rande der Kirche, womit es vor allem um Sozialisten geht, die ihr Eintreten für eine ausbeutungs- und unterdrückungsfreie Welt religiös begründen.
Es gab bereits gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts einige Geistliche - also nicht nur sog. normale Gläubige - die sich auf sozialistische Positionen stellten. Mit Fragen, die sich daraus ergaben, haben sich schon Bebel, Lenin und Rosa Luxemburg auseinandergesetzt. Doch kam es zu einer neuen Qualität im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und sodann der Novemberrevolution. Dabei bildeten sich zwei unterschiedliche Tendenzen heraus. Das entsprach wohl der sozialen Grundlage, welche jede dieser beiden Tendenzen verbunden war.
Da gab es einerseits die um Tillich, Mennicke und Heimann gescharte Gruppierung, der es weniger um politisches Wirken ging, als um Theorie-Diskussion; sie repräsentierte nur eine kleinere Gruppe im Unterschied zum Bund religiöser Sozialisten, dem 1930 etwa 10 000 Mitglieder angehörten. Schon damals wurde von dieser theologisierenden und theoretisierenden, sich von Praxis weitgehend fernhaltenden Richtung versucht, den Marxismus zu existenzialisieren, Versuche, die durch die Entdeckung und Mißinterpretation Marx'scher Frühschriften unmittelbar vor 1933 wieder stark auflebten und nach 1945 noch einmal kurz blühten.
Ganz anders entfaltete sich dagegen eine mehr proletarisch und halbproletarisch geprägte Richtung. Sie bildete sich vor allem in den Industrie-Dörfern, Klein- und Mittelstädten an den Rändern solcher Industrie-Monopolen wie Mannheim. Auf diesem Boden kristallisierte sich 1924 auf Initiative Eckerts in Meersburg die „Arbeitsgemeinschaft“ und 1926 am gleichen Ort der Bund der religiösen Sozialisten heraus, in dem Eckert zur prägenden Persönlichkeit heranreifte.
Trotz dieser wesentlichen Unterschiede ließen sich beide Tendenzen nicht immer gegeneinander ausspielen. So bezeichnete die Bruderschaft sozialistischer Theologen, der auch Paul Tillich angehörte, Eckert angesichts seiner drohenden Dienstentlassung im Juni 1931 als den „anerkannten Führer des Bundes religiöser Sozialisten“. „Er ist derjenige, der mit unendlichem Mut, mit vorbildlicher Hingabe und mit einem bergeversetzenden Glauben die ganze Kraft seines Geistes, seine Beredsamkeit und seine Nerven in den Dienst der religiössozialistischen Bewegung hineingestellt hat“.
Eckert war zunächst als Einundzwanzigjähriger auch unter dem Einfluß des Mannheimer führenden Sozialdemokraten Müller (Müller-Franken war u.a. der Führer der süddeutschen Richtung der sozialistischen Jugendbewegung. Diese Richtung stand, im Unterschied zu dem um Karl Liebknecht gescharten revolutionären Flügel, der reformistischen Parteiführung nahe, befürwortete die gegenüber dem Krieg kapitulantenhafte Rolle der SPD-Führung), kriegsbegeistert und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Doch das Kriegserlebnis machte ihn zum entschiedenen Kriegs- und Rüstungsgegner, das Erleben der halbproletarischen und proletarischen Umwelt, in der er wirkte zum Sozialisten. Dies bestimmte fortan sein Denken und Handeln.
Er kämpfte im Bund gegen die Wahl des Monarchisten Hindenburg zum Reichspräsidenten, gegen die finanzielle Entschädigung enteigneter Fürsten, gegen die von der SPD-Führung (unter Bruch eines Wahlversprechens) betriebenen Bau von Panzerkreuzern (die dann Hitler nutzen konnte), gegen den heraufkommenden Faschismus. Er durchschaute das Wesen der gegen die Sowjetunion betriebenen Hetze als geistige Vorbereitung und Absicherung von Rüstung und Krieg. In diesen Auseinandersetzungen kommt es nicht nur zum Bruch mit der sozialdemokratischen Parteiführung - Eckert war seit 1911 Mitglied der SPD - sondern auch zu Spaltungserscheinungen im Bund religiöser Sozialisten.
Dieselbe Kirchenführung, die Aktivitäten ihrer Angehörigen in oder zugunsten der Hitler-Partei wenigstens duldete - allein 56 Pfarrer waren in der badischen Landeskirche vor 1933 Mitglieder der NSDAP - verbot am 30. Januar 1931(!) Eckert, als Redner in politischen Versammlungen gegen die NSDAP aufzutreten. Eckert widersetzte sich dem Verbot, wird deshalb seines Dienstes enthoben. Eine breitere Solidarisierung mit ihm ist die Folge. Weitere „rechtliche“ Auseinandersetzungen führen - wie „natürlich“ - stets zu Ergebnissen zu ungunsten Eckerts. Er wird schließlich aufgrund seines Eintritts in die in die KPD entlassen, verliert alle aus seiner langjährigen Tätigkeit erworbenen Rechte. Und dieses Unrecht wird auch nach 1945 nicht annulliert, obwohl die Geschichte Eckerts Warnungen vor Faschismus und Krieg, vor den Folgen der „armseligen Judenhetze“, die in einem „grauenvollen Morden“ enden würde, auf so grausame Weise bestätigte.
In diesen sich ständig verschärfenden Auseinandersetzungen war Eckert den Weg von der Kanzel (die er nicht aus freien Stücken verließ) zu den Kommunisten gegangen. Er stellte seine hohe rednerische Begabung in den Dienst des von ihnen geführten antifaschistischen Kampfes. Selbstverständlich wird er nach dem Sieg des Faschismus durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler eingesperrt.
Als 1945 die Stunde der Befreiung kommt, wird Eckert in dem von der französischen Besatzungsmacht geschaffenen Kunstgebilde eines Südweststaates Staatsrat, führender Politiker. Er ist sofort energisch um die Schaffung einer aus Kommunisten und Sozialdemokraten bestehenden Einheitspartei bemüht und hat damit in seinem unmittelbaren südbadischen Wirkungsgebiet auch Erfolg. Die Aktivitäten stoßen schließlich auf den Widerstand der französischen Besatzungsbehörden.
In der KPD hatte Eckert führende Funktionen inne. So war er Landesvorsitzender, bis er - im Zusammenhang mit der von Stalin angezettelten Kampagne gegen den „Titoismus“, gemeinsam mit anderen KPD-Landesvorsitzenden, die dieser Kampagne nicht oder nur zögernd folgten - seiner Funktion enthoben wurde. Nicht nur die Kirche, auch die Kommunisten hätten also einiges zur Wiedergutmachung gegenüber Erwin Eckert zu sagen. Der Unterschied besteht dennoch darin, daß Ekert im Rahmen seiner Partei weiterhin aktiv sein konnte, u.a. als Landtagsabgeordneter der KPD bis 1956, bis an sein Lebensende von der Partei auch persönlich betreut wurde und mit Zustimmung seiner Genossen führend in der deutschen und internationalen Friedensbewegung tätig war, was ihm 1960 eine neunmonatige Gefängnisstrafe mit Bewährung einbrachte.
Erwin Eckert starb kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag 1972. Im nächsten Jahr, aus Anlaß seines einhundertsten Geburtstages, wäre Zeit und Gelegenheit, „reinen Tisch“ mit dem „Fall Erwin Eckert“ zu machen. Die hier eingeführten Bücher würden dazu nicht wenige Anhaltspunkte bieten. Und zwar betrifft dies sowohl sozialgeschichtliche und soziologische Materialien, Wahlanalysen, wichtige biografische Materialien zu führenden Persönlichkeiten des Bundes religiöser Sozialisten oder anderer Persönlichkeiten aus dem linken und demokratischen Umkreis, etwa: Bernhard Göring, Karl Kleinschmidt, Emil Fuchs, Otto Nuschke, die in der DDR eine wichtige Rolle spielen sollten - aber auch wichtige biografische Materialien zu mancher Nazigröße aus dem Umfeld des deutschen Protestantismus. Auch zu Fragen der Theologie, des Verhältnisses von Marxismus und Religion bzw. Theologie finden sich wichtige anregende Materialien in den Bänden, die auch unterschiedliche Entwicklungsetappen in der Herangehensweise Balzers erkennen lassen. Es sind Bildmaterialien und andere Dokumente abgedruckt, die den authentischen Charakter der Arbeiten unterstreichen.
Die Analysen Balzers wären unter heutigem Gesichtspunkt weiterzuführen. Es ginge etwa um solche Fragen: Wie setzt sich unter heutigen Bedingungen die Masse der evangelischen Pfarrerschaft zusammen? Hat die berühmte 68-Entwicklung die soziale Herkunft wesentlich verändert? Wie steht es um die heutige Kirchenführung, wie um sie soziale Basis eines heute sich möglicherweise verstärkenden religiös motivierten Sozialismus? Hätte er heute nicht vielleicht einen stärker „mittelschicht“-geprägten Charakter (vielleicht sogar stärker eine Mischung aus lohnabhängiger Mittelschicht und Intelligenz)? Fragen dieser Art sind für die Arbeiterbewegung, für ihre Bündnispolitik, nicht unwichtig.
Es ist schon Jahrzehnte her, daß der Dominikaner Marcel Reding meinte, Marx und Thomas von Aquin über das Mittelglied Aristoteles aufeinander beziehen zu können, oder daß der Jesuit Clemens Brockmöller meinte, das Christentum „am Morgen des Atomzeitalters“ dürfe sich nicht auf den Kapitalismus festlegen, sondern müsse versuchen, mit den (freilich zuvor möglichst „getauften“) Marxisten die Zusammenarbeit aufzunehmen. Der derzeitige Zusammenbruch des Frühsozialismus und des an Stalin orientierten Parteityps kommunistischer Art mag dies für eine gewisse Zeit als überflüssig erscheinen lassen. Man möge sich da aber nicht täuschen: die Geschichte bleibt nicht stehen. Der Zusammenbruch des Frühsozialismus beweist nicht - um einen Gedanken von Habermas aufzugreifen - die bessere Qualität des Kapitalismus. Das Sozialismus-Problem bleibt auf der Tagesordnung, und damit bleiben auch die hier angesprochenen Probleme und Fragestellungen aktuell. Robert Steigerwald, in: Marxistische Blätter, 3/1993, S.72-76