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Friedrich-Martin Balzer

Meine unterwanderten Jahre - Satirische Bemerkungen*1)

Difficile est, satiram non scribere. (Juvenal)

Es traf mich fast wie ein Blitz, als am 7. April 1998 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein ganzseitiger Aufsatz erschien, in dem ein ehemaliger „68er“, Wolfgang Kraushaar, schon nach nur oberflächlicher Einsicht in die Akten des MfS zu dem Schluß kam, daß die Studentenbewegung von Anfang an von der anderen Seite, d.h. von den Kommunisten in der DDR, ihren Geheimdiensten und Vorfeldorganisationen unterwandert worden wäre

Angesichts dieses krausen und haarsträubenden Machwerks ist es nicht nur schwierig, sondern geradezu unmöglich, anders als satirisch mit diesen Umdeutungen umzugehen.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich mich hinsetzte und Texte aus den letzten 40 Jahren zusammenstellte: offenbar haben mein ganzes Leben lang Kommunisten nur darauf gewartet, mich zu unterwandern. Hatte ich naiverweise geglaubt, so ein Lern- und Entwicklungsprozeß beruhe auf Überzeugungen, die allmählich durch Erfahrungen und selbst gewonnene Erkenntnisse heranreifen, so stellte sich bei der Durchsicht der Texte heraus, daß ich das instrumentalisierte Opfer einer langen Belagerung durch Kommunisten gewesen bin, das gar nicht gemerkt hat, wie es durch Instruktionen und Direktiven an der mehr oder weniger langen Leine geführt wurde im Interesse jener finsteren Macht, der nun endlich auch ein Schwarzbuch gewidmet wurde.

Wenn ich es recht bedenke, hatten die ersten Versuche schon bei meinen Eltern begonnen. Meine Eltern studierten in Marburg u.a. bei Professor Georg Wünsch, der sich zwar als religiöser Sozialist ausgab und Sozialethik lehrte, in Wirklichkeit aber, wie die Nazis 1933 herausfanden, Mitglied der Gesellschaft zum Studium sowjetrussischer Probleme war. In der DDR hieß das dann weniger getarnt gleich DSF, Deutsch-Sowjetische Freundschafts-Gesellschaft. Im Seminar von Wünsch müssen meine Eltern wohl auch früh angehalten worden sein, das Kommunistische Manifest zu lesen. Wie die sorgfältigen Unterstreichungen und Randnotizen des erhalten gebliebenen Exemplars belegen, haben meine Eltern davon jedenfalls rege Gebrauch gemacht. Als mein Vater dann zusammen mit Walter Kreck, der noch heute als 90jähriger die UZ liest und sich entsprechend betätigt, zusammen die Ausbildung als Vikar in Limburg absolvierte, hatten sie es beide mit veritablen Kommunisten in der Kirchengemeinde zu tun. Mein Vater hatte also bereits Erfahrungen gesammelt, als sich nach 1933 jene Kommunisten, die vorher aus der Kirche ausgetreten waren, nun die rote Karte der Bekennenden Kirche erwarben und sich ausgerechnet an Pfarrer heranmachten, um ihre Politik unter den Bedingungen der Illegalität unters Volk zu bringen. Wie sie das Vertrauen meines Vaters als Seelsorger gewannen? Ganz einfach: Sie gingen ins KZ und wenn, wenn sie entlassen wurden, kamen sie zu meinem Vater und zogen sich vor ihm nackt aus, um ihm durch Zeigen der Spuren ihrer Folterungen sein Mitleid zu erregen und sein Vertrauen zu erschleichen.

Das setzte sich auch nach 1945 fort, als die Wagenburg der Bekennenden Kirche zerfiel und die Nacht der langen Messer begann, alte Rechnungen beglichen wurden und der Kampf um Prestige und Ämter unvorstellbare Tiefen erreichte. Auch hier setzten die Kommunisten auf meinen Vater, als sie sich weigerten, sich an dem bösen Spiel der Verleumdung und üblen Nachrede in der örtlichen “Volksbühne” zu beteiligen. Daß mein Vater dann Mitbegründer der CDU in meiner Heimatstadt Iserlohn wurde, nahmen sie ihm nicht weiter übel. Im Gegenteil. Als nützlicher Idiot sollte er in die CDU gehen und jene Kräfte in der nordrhein-westfälischen CDU stärken, die bereit waren, zwar nicht dem Kapitalismus, wohl aber der “unumschränkten Herrschaft” des Kapitalismus - wie im Ahlener Programm von 1947 formuliert - Adé zu sagen. Darauf, wie weit die Unterwanderung der CDU durch kommunistische Einflußnahme ging, komme ich am Ende noch zurück, wenn ich auf den Brief von Gregor Gysi an den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu sprechen komme.

Nachdem meine Eltern Gefallen an der Ost-Denkschrift der EKD zur Oder-Neiße-Grenze gefunden hatten, war es kein Wunder, daß ich mich als Student im 1. Semester mit den Landsmannschaften und ihren Forderungen nach der Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 öffentlich auseinandersetzte. Ich wußte zwar, daß dies auch der Politik der DDR unter Walter Ulbricht entsprach, die schon 1950 als wirkliche Nachbarn Polens die Unverletzlichkeit der Oder-Neiße Grenze vertraglich festgelegt hatten, setzte mich aber nach außen noch von dem “propagandistischen Gebrüll” eines Walter Ulbricht ab. Tatsächlich aber war die Einflußnahme durch Kommunisten auf dem Ostermarsch, an dem ich 1960 bereits teilnahm, so groß, daß ich die Partei “Die Freunde Ulbrichts”, wie sie von den weitsichtigeren Schützern unserer Verfassung schon damals genannt wurde, gemeint ist die “Deutsche Friedens Union”, bereits durch Aufstellen von Wahlplakaten im Bundestagswahlkampf 1961 mit Portraits von Albert Schweitzer und Renate Riemeck unterstützte.

1969 wurde die Vorfeldorganisation der DKP, die “Aktion Demokratischer Fortschritt” [ADF] u.a. von dem ebenfalls Unterwanderten Marburger Hochschullehrer Werner Hofmann ins Leben gerufen. Mit meinem Leukoplastbomber war ich im Bundestagswahlkampf 1969 unterwegs, um wild für die Kommunisten zu plakatieren, die glaubten, auf der Welle der Studentenbewegung, die sie, laut Krauskopf selbst erzeugt hatten - soziale, historische und politische Ursachen, eigenständige Motive, eigenständige kritische Analyse der bundesdeutschen Realität und eigenständiges politisches Handeln existierten ja nicht - in den Bundestag schwimmen zu können.

Die Studentenbewegung selbst war, wie mein Beispiel zeigt, von Anfang an unterwandert von Kommunisten und ihren Hintermännern. Daß sich auch wackere Schützer unserer Verfassung unter die westdeutsche Linke mischte, um Schlimmstes zu verhüten, sei ihnen noch heute gedankt. Aber was sollten sie anderes machen, wenn die Kommunisten sich 1961 eines so nützlichen Idioten wie Klaus Horn bedienten, der als Mitglied des Liberalen Studentenbundes ausgerechnet den sogenannten Volkskammerpräsidenten der sogenannten DDR, Johannes Dieckmann - unter der noch von der DDR ausgegebenen Parole “Deutsche an einen Tisch” - nach Marburg einlud. In dem Marbacher Kurhäuschen, das später die Disko “Old Daddy” war, wurde also das trojanische Pferd nach Marburg eingeschleust - unter heftigem Protest aller damaligen staatstragenden Parteien und ihrer Mitglieder.

Was ich noch gar nicht offenbart habe: Ich war damals zwar schon infiziert vom Geist der Unterwanderer, schmückte mich aus Familientradition (Vater, Bruder, Schwager) aber noch mit Band und Mütze, war also Mitglied einer farben-tragenden studentischen Verbindung. Nach der Lektüre von Kraushaar glaube ich fest daran, auch dies war Tarnung.

Also saß ich als Korporierter mitten unter den Zuhörern, während draußen das fast einig Volk skandierte “Dieckmann raus, hängt ihn auf!” Es bedurfte keiner schriftlichen Instruktionen und Direktiven, um dabei sein zu wollen und aus falsch verstandener Sympathie mit dem mit Steinen beworfenen Repräsentanten der DDR im Jahre 1961 auf den Weg des felllow travellers gebracht zu werden. Übrigens nahm der “spätestens seit Herbst 1966" “innerhalb der westdeutschen Linken auf Grundlage konkreter Absprachen mit dem SED-Politbüro” (Staadt in FAZ vom 20.5.1998) agierende Professor Abendroth - anders als der Vorstand des SDS 1965 - an meiner Zugehörigkeit zu einer farbentragenden Verbindung keinen Anstoß. Er folgte sogar einer Einladung aufs Verbindungshaus, um einen Vortrag über Korporationen in der Weimarer Republik zu halten. Da die SPD ihn gerade ausgeschlossen hatte, boten sich ihm allerdings auch nicht mehr so viele Möglichkeiten der Unterwanderung.

Als ich dann noch im gleichen Jahr den Vizepräsidenten des Internationalen Pen-Clubs, Robert Neumann, nach Marburg ins Audi Max im Landgrafenhaus einlud, war der Weg des ferngesteuerten Aktivisten der Studentenbewegung vorgezeichnet. Die Anschrift von Robert Neumann hatte ich von der von Kommunisten unterwanderten Studenten-Zeitschrift KONKRET erhalten, in der später Robert Neumann dann auch die Dokumente aus dem Osten gegen den KZ-Baumeister Lübke abdruckte und kommentierte.

Wie aufmerksam die Umtriebe des Vizepräsidenten des internationalen PEN-Clubs, Robert Neumann, mit Wohnsitz in der neutralen Schweiz, von den wahren Schützern unserer Verfassung beobachtet wurde, erhellt eine kleine Anekdote, die Robert Neumann in seinem Tagebuchroman aus dem Jahre 1964 mit dem ernstgemeinten Titel “Vielleicht das Heitere” festgehalten hat: “Vom Hotelchen in Marburg hatten wir nach allen Richtungen hin telefoniert und auch mit ein paar Besuchern in der Lobby gesprochen - alles zum Thema Ostdeutschland. Als wir dann von Abendroths Institut ins Hotel zurückkamen, war keines der Ostberliner Dokumente, kein Blatt der Korrespondenz zu finden. Wir durchsuchten das Zimmer. Nichts. Auch der Portier wußte von nichts. - Vierzehn Tage später, schon in Locarno, bekamen wir ein Päckchen aus Köln, von einem Herrn mit unleserlicher Unterschrift. Er habe unlängst eine Nacht in einem Hotel in Marburg verbracht und diese Briefschaften da im Papierkorb gefunden, vielleicht brauchten wir die, er schicke sie hier zurück. - Man sage nichts gegen die Kölner.” (S.264) Ende des Zitats. Wo ich gerade über sprechende Ortsnamen wie Köln rede: auch aus Oberursel kamen gelegentlich interessierte US-Amerikaner und trugen sich in die Anwesenheitsliste des Marburger Forum ein. (Anm.: Köln ist der Sitz des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Oberursel ein CIA-Quartier in der Bundesrepublik) Wenn diesem “großen deutschen Schriftsteller, der die britische Staatsbürgerschaft besaß und weit vom Zugriffsbereich von BND und Verfassungsschutz in Locarno lebte” (Wolfgang Abendroth in KONKRET 2/1975) dergleichen widerfuhr, sollte da wirklich das Haupt der “Kaderschmiede” marxistischen Denkens in Marburg und seine Elèven, sofern sie sich um den SDS sammelten, von derlei Unterwanderungen verschont geblieben sein. Als Abendroth noch 1977 im DDR-Handbuch zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaft unter der Rubrik „progressive bürgerliche Geschichtsschreiber“ aufgelistet wurde, konnte man sich noch darüber aufregen. Heute weiß ich: Auch dies war Schonung und Tarnung und nicht etwa engstirnigster Dogmatismus.

Interessanterweise nahmen die Kommunisten und die von ihnen ferngesteuerten Agenten wie Wolfgang Abendroth, Heinz Maus, Harry Pross, Hans Conzelmann und Kurt Lenk auch keinen Anstoß daran, daß ich die Frage nach den Ursachen und Folgen des Faschismus für die Bundesrepublik vom Boden einer studentischen Korporation aus in die Öffentlichkeit trug. Jedenfalls nicht, solange dort noch Wirkungsmöglichkeiten für die Entfaltung der Weltrevolution bestanden.

Es war klar, daß bei all diesen Etappen Überzeugungen und der Mut, zu seinen politisch gewonnenen Einsichten auch öffentlich einzustehen, keine Rolle spielten. Die West-Arbeit der Kader an der Universität Leipzig trug Früchte und bald gab es auch offizielle Kontakte und Verbindungen zwischen Robert Neumann und dem Schriftstellerverband der DDR. Der Mauerbau machte zwar zunächst einen Strich durch die Rechnung. Aber nach anfänglichen Schwierigkeiten entstand der Dialog mit der Humboldt-Universität. Noch bevor die Zeitung, hinter der immer ein kluger Kopf steht, berichtete, mein Doktorvater Wolfgang Abendroth handele ab 1967 entsprechend den Direktiven des Polit-Büros der SED, ließ er in seinem Oberseminar 1962 die DDR-Vertreter ohne Gänsefüßchen Heinz Kamnitzer, Wilhelm Girnus, Wieland Herzfeld und Johannes Dieckmann im O-Ton zu Wort kommen. Als dann die Tonbänder des West-Ost-Dialogs und der Operation “Mauerdurchlöcherung”, wie die ZEIT ebenso irreführend wie hilfreich titelte, 1964 im überfüllten Marburger Audi Max in der Biegenstraße vorgeführt wurden, gab es zum Ärger von Ernst Nolte und der FAZ mehr Beifall als Zischen.

Übrigens setzte Wolfgang Abendroth mich auch in Verbindung mit dem kommunistischen Christen Erwin Eckert, der, wie der außenpolitische Ausschuß des US-amerikanischen Repräsentantenhauses in bewährt sachlicher Manier 1947 aufgelistet hatte - man denke nur an die akribischen Untersuchungen des Ausschusses für un-amerikanische Umtriebe unter Senator McCarthy - zu den “506 nicht-russischen Kommunistenführern Europas und des Orients” gehörte. Im Leitwort werden die Registrierten (unter ihnen Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Maurice Thorez, Palmiro Togliatti, Mao Tse-Tungs, Ho Chi Minh sowie aus den Westzonen Kurt Müller, Max Reimann, Walter Fisch und Ernst Buschmann) als “professionelle Revolutionäre” bezeichnet, “denen Lenin die Fackel der Weltrevolution übergeben habe”.*2) Muß da nicht eine Gänsehaut über unsere Rücken laufen? Ist damit nicht alles gesagt? Im langjährigen Kontakt mit Eckert konnte ich so nach der akademischen Weihe der Promotion im öffentlichen Dienst außerhalb der Universität unter dem Deckmantel des abendländischen Protestantismus kommunistisches Gedankengut verbreiten helfen. Ein hervorragender Schutz gegen allzu lästige Überprüfungen.

Die Mitte der 60er Jahre sich breiter entwickelnde Studentenbewegung scheute von Anbeginn an nicht den Kontakt mit Kommunisten. Das war so im Marburger Club Voltaire bei Treffen mit Peter Gingold und Manfred Kapluck. Und das war so bei der Gründung der ASO [Arbeitsgemeinschaft Sozialistische Opposition] in Marburg. Wir scheuten uns im “Rechtsstaat Bundesrepublik” nicht, mit den in die Illegalität gedrängten Marburger Kommunisten, Hans Gebhardt und Jupp Dörrich zusammenzuarbeiten.

Wo man hinguckt: beim Ostermarsch, bei den Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg, beim Kampf gegen die Notstandsgesetze, später beim Kampf gegen die Berufsverbote: überall waren die Kommunisten dabei. Und da wollen wir uns einbilden, wir seien von Ihnen nicht unterwandert, infiltriert, ferngesteuert worden? So als hätten wir unsere eigenen Überzeugungen gehabt? Die Aufopferung und Selbstverleugnung der Kommunisten in der Friedensbewegung ging soweit, daß man sie als Kommunisten gar nicht mehr wahrnahm.

Und war es in der Friedensbewegung etwa anders? Muß nach dem krausen Artikel in der FAZ dem Marburger Oberbürgermeister Hanno Drechsler nicht recht gegeben werden, wenn er das Marburger Forum von Anfang an als “Mogelpackung”, sprich als Fortsetzung der DKP mit anderen Kostümen bezeichnete? Kann man an der “Friedensliste”, die ich zusammen mit Lorenz Knorr und Manfred Coppik initiierte, nicht sehen, was da für ein falsches Spiel getrieben wurde? Usw. usw.

Wenn ich als „Alt-68er“ heute diese Beichte auf einer Veranstaltung der PDS ablege und trotzdem zur Wahl der PDS aufrufe, dann tue ich dies, entgegen aller Notwendigkeit, meine Fernsteuerung durch Kommunisten zu tarnen, gerade auch in bewußter Anlehnung an das, was in der jungen Welt, in der UZ, in den Marxistischen Blättern und in den Weißenseer Blättern verbreitet wird.

Im Ernst: Meine Befürwortung der Wahl der PDS ist mit der Kritik verbunden, daß der “Darling” der bürgerlichen Talk-Shows und begnadeter Redner auf den Tribünen des Parlamentes und der öffentlichen Versammlung, Gregor Gysi, seinen Entschuldigungsbrief an den ehemaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker besser unterlassen hätte. August Bebel, den Gregor Gysi am Montag auf dem Marktplatz in Marburg noch für die PDS ins Feld führte, hätte sich mit Sicherheit nicht bei Wilhelm II. oder anderen Repräsentanten des deutschen Imperialismus für Fehler der Sozialdemokratie entschuldigt. Um nicht mißverstanden zu werden: Über Fehler muß geredet und diskutiert werden - nur der Papst hält sich für unfehlbar.

Aber ist der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der seinen Vater im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal verteidigte, der richtige Adressat, um sich bei ihm für Fehler zu entschuldigen?

Etwas ganz anderes wäre es gewesen, wenn der CDU-Politiker Richard von Weizsäcker und andere Repräsentanten der alten Bundesrepublik im Gegenzug zu der Anfrage an die PDS nach dem Unrecht gefragt worden wären, das in ihrem Namen oder mit ihrer Duldung nach 1945 in den Westzonen bzw. der BRD begangen wurde. Jedenfalls so zu tun, als ob der Kalte Krieg eine höchst einseitige Veranstaltung gewesen wäre, ist mehr als unredlich.

In Anlehnung an die Anzeige der FR vom 7.9.1998, in der 140 Kulturschaffende, Wissenschaftler, Theologen, Ärzte, Juristen und Pädagogen zur Wahl Gysis, dessen Einzug in den Bundestag wohl die sicherste Bank der PDS ist, aufrufen, lautet meine unverbesserliche Schlußfolgerung in der gegenwärtigen Situation: Demokratie braucht Opposition - Opposition braucht Gysi und Gysi braucht Opposition. Aber darüber reden wir nach dem 27. September ausführlicher.

Heute nur soviel: Es ist zu hoffen, daß die mitten im Bundestagswahlkampf 1998 von Teilen der PDS-Führung mutwillig vom Zaune gebrochene Programmdiskussion nicht hinter die Positionen des “Ahlener Programms” der CDU von 1947 und ihrer Zustimmung zum Artikel der NRW-Verfassung vom 6. Juni 1950 - wohlgemerkt nach der Verabschiedung des Grundgesetzes von 1949 und anders als das Grundgesetz der BRD durch Volksentscheid in NRW mehrheitlich bekräftigt - zurückfällt, in der es in Artikel 27 hieß: “Großbetriebe der Grundstoffindustrie und Unternehmen, die wegen ihrer monopolartigen Stellung besondere Bedeutung haben, sollen in Gemeineigentum übergeführt werden.” Was die Parlamentarier, ohne Volksbefragung, inzwischen aus der NRW-Verfassung gestrichen haben, ist immer noch geltendes Verfassungsrecht des Landes Hessen.

Muß wirklich an die bittere Lehre aus dem “Ahlener Programm” der CDU erinnert werden: “Die Zeit vor 1933 hat große Zusammenballungen industrieller Unternehmungen gebracht. ... Sie wurden für die Öffentlichkeit undurchsichtig und unkontrollierbar... Die zu dem engen Kreis der Vertreter der Großbanken und der großen industriellen Unternehmungen gehörigen Personen hatten infolgedessen eine zu große wirtschaftliche und damit zu große politische Macht.”

Für wie blöd hält Herr Kraushaar die westdeutsche Linke in der alten Bundesrepublik? Glaubt er wirklich, sie seien nicht fähig gewesen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und eigenständige Schlußfolgerungen aus der kritischen Analyse der bundesdeutschen Realität zu ziehen?

Zu derlei Umdeutungen ist folgendes zu sagen:

Die bundesdeutsche Realität und die Antwort der westdeutschen Linken wird verkleistert. Der westdeutschen Linken wird eigenständiges Denken und Handeln abgesprochen. Sie wird diskreditiert. Die 68er Bewegung wird in Bausch und Bogen entwertet. Die Ursachen für den Protest werden geleugnet. Linke Alternativen zur gegenwärtig bestehenden Gesellschaft und ihrer sozialen und politischen Machtverteilung werden ausgeschlossen. Eine der Botschaften der FAZ jedenfalls lautet: Laßt Euch nicht mit der “kommunistischen PDS” ein. Ihr wißt ja, wohin das führt. Und daß die PDS eine kommunistische Partei sei, ist für die Herren Hintze, Waigel und Co. eine ausgemachte Sache, was zu bezweifeln schon verdächtig macht. Was den Kommunismus in der PDS ausmacht, so frage man Sahra Wagenknecht, was den Marxismus in der PDS ausmacht, so frage man Uwe-Jens Heuer, was den Antiimperialismus in der PDS ausmacht, so frage man beispielsweise Winfried Wolf.

Nach dem Anschluß der DDR an die BRD geht es keineswegs mehr nur um die Frage Zerstörung oder Aufrechterhaltung von Biographien und persönlichen Identitäten im Osten, sondern wie die gegenwärtigen und sicher noch keineswegs beendeten Versuche zeigen, auch um die Identität der westdeutschen Linken. Es wird so getan, als ob Kommunisten die einzigen wären, die sich um Einflußnahme auf die Bevölkerung bemühten. Das heute hier vorgestellte Buch “Es wechseln die Zeiten” ist der Versuch, diesem Trend durch ein authentisches Beispiel eines einfachen Mitglieds der demokratischen Bewegung in der Bundesrepublik entgegenzuwirken.

Was den bestenfalls gewendeten Wolfgang Kraushaar mit seinen skrupellosen Umdeutungen und Geschichtsfälschungen betrifft, wenn er nicht von Anfang an ein Vertreter des kleinbürgerlichen Revolutionarismus in der Studentenbewegung gewesen ist, so wird mir speiübel. Daß er es für Geld tun könnte, fällt mir immer noch schwer zu glauben, auch wenn die FAZ pro Zeile DM 5.- löhnt (Zum Vergleich: In der jw gibt es dafür notfalls DM 0.60).

Die haltlosen, tatsachen- und wahrheitswidrigen Behauptungen etwa hinsichtlich der Rolle von Wolfgang Abendroth in der demokratischen Bewegung der alten Bundesrepublik sind kürzlich von Frank Deppe und Georg Fülberth als unmittelbare Zeitzeugen und zusätzlich durch Einblick in die entsprechenden Akten - eindeutig widerlegt worden.*3)

Die individuelle Charakterlosigkeit eines Wolfgang Kraushaar ist aber nur Symptom eines Prozesses, der durch die Niederlage der DDR eingeleitet wurde und dessen Tendenzen im Interesse von Demokratie und sozialem Fortschritt unbedingt aufzuhalten sind. Eine Möglichkeit dazu ist die Wahl der PDS und die kritische Begleitung ihrer Entwicklung durch Ausschöpfung der uns zur Verfügung stehenden Mittel demokratischen Handelns, wobei ich hoffe, daß auch die kritischen Stimmen außerhalb der PDS wahrgenommen werden. Eine PDS-Fraktion im Bundestag wird nur begrenzt wirken können, wenn sich außerhalb des Parlamentes nichts bewegt.

Nachtrag: Am 15. Dezember 1998 erschien eine weitere Fortsetzung der romanhaften Darstellung der Unterwanderung des SDS. Überschrift: ”Die Gnade der westdeutschen Geburt”. Der Artikel spricht davon, daß es eine “Schieflage” gebe, solange nicht alle Unterlagen der Stasi in der Gauck-Behörde und in den USA aufgedeckt seien. Ob sich dieser Knabe schon einmal darüber Gedanken gemacht hat, daß die “Schieflage” dadurch entsteht, daß die Unterlagen von BND und des BfV nicht zugänglich sind, nicht einmal für wissenschaftliche Zwecke bei längst durch die bundesdeutsche politische Strafjustiz verurteilten und verstorbenen Beobachtungsobjekten. Das wäre doch mal was Neues: zu wissen, wer in all den Jahren in meinem Lebensumkreis Informant des BfV und des BND gewesen ist. Fazit: Im Westen Nichts Neues. Hier sind die Hüter der Verfassung, die schon 1949 dafür sorgten, daß ehemalige Nazis gemäß Artikel 131 des Grundgesetzes wieder Beschäftigung im öffentlichen Dienst fanden und dort die Unterwanderer des “Unrechtsstaates”. Drüben sind die Dunkelmänner und hier sind die Weißwäscher. Lassen wir uns beim Unterwandern nicht irritieren.

Es ist zu hoffen, daß die mitten im Bundestagswahlkampf 1998 von Teilen der PDS-Führung mutwillig vom Zaune gebrochene Programmdiskussion nicht hinter die Positionen des “Ahlener Programms” der CDU von 1947 und ihrer Zustimmung zum Artikel der NRW-Verfassung vom 6. Juni 1950 - wohlgemerkt nach der Verabschiedung des Grundgesetzes von 1949 und anders als das Grundgesetz der BRD durch Volksentscheid in NRW mehrheitlich bekräftigt - zurückfällt, in der es in Artikel 27 hieß: “Großbetriebe der Grundstoffindustrie und Unternehmen, die wegen ihrer monopolartigen Stellung besondere Bedeutung haben, sollen in Gemeineigentum übergeführt werden.” Was die Parlamentarier, ohne Volksbefragung, inzwischen aus der NRW-Verfassung gestrichen haben, ist immer noch geltendes Verfassungsrecht des Landes Hessen.

Muß wirklich an die bittere Lehre aus dem “Ahlener Programm” der CDU erinnert werden: “Die Zeit vor 1933 hat große Zusammenballungen industrieller Unternehmungen gebracht. ... Sie wurden für die Öffentlichkeit undurchsichtig und unkontrollierbar... Die zu dem engen Kreis der Vertreter der Großbanken und der großen industriellen Unternehmungen gehörigen Personen hatten infolgedessen eine zu große wirtschaftliche und damit zu große politische Macht.”

*1) Mit diesen einleitenden Bemerkungen stellte ich auf einer Veranstaltung der PDS-Marburg-Biedenkopf am 10. September 1998 das Buch “Es wechseln die Zeiten...”, Reden, Aufsätze, Vorträge, Briefe eines 68ers aus vier Jahrzehnten (1958-1998), Bonn 1998, 1. Auflage, vor. Der vorliegende Text stellt die erweiterte und überarbeitete Fassung des Aufsatzes dar, der in den „Weißenseer Blättern“ 5/1998, S. 65 - 70 abgedruckt wurde.

*2) SPIEGEL Nr. 22 vom 29. Mai 1948, S. 1 und SPIEGEL Nr. 26 vom 22. Juni 1949, S.9

*3) Siehe hierzu auch das Heft SOZIALISMUS 7/8-98. Zur Diskussion um Wolfgang Abendroth, Leserbrief an die FAZ von Frank Deppe, S. 17f., sowie Interview von Richard Detje mit Frank Deppe, Die “Methode Gauck”, S.19-21 und der Bericht in der “Oberhessischen Presse” vom 16. Mai 1998: „In jeder Kneipe war von dem Projekt zu hören“. Neuerdings siehe Leserbrief von Frank Deppe an den „Freitag“ vom 9. Februar 2001, S. 12 „Denunziatorische Lügen“.

   

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„Und abermals krähte der Hahn“

Zu verdrängten Opfern

von Kirchengeschichte und Kirchenjustiz.

Das Beispiel der sog. „Rehabilitierung“ von Erwin  Eckert und Heinz Kappes

durch die badische Landessynode
im Jahre 1999.

Eine Dokumentation.
Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer

 

I. Petition an die Badische Landeskirche (1996)
II. Erklärung der Badischen Kirchenleitung (1999)
III. „Auf beiden Augen blind“ - immer noch. (1999)
IV. Stellungnahme zu den Leserbriefen von Prof. Hartmut Maurer, Helmut Zeller und Ulrich Schadt (1999)



Resolution an den Herrn Landesbischof,
den Evangelischen Oberkirchenrat
und die Synode der badischen Landeskirche
zur Rehabilitierung des Pfarrers Erwin Eckert

Im Zusammenhang mit der Friedensdekade 1996 haben wir, Menschen des Kirchenbezirks Müllheim, uns mit dem Wirken und dem Schicksal des Religiösen Sozialisten Erwin Eckert beschäftigt und folgende Resolution gefaßt:

Wir fordern den Herrn Landesbischof, die Badische Landessynode und den Evangelischen Oberkirchenrat auf, den Pfarrer Erwin Eckert nun endlich in aller Form zu rehabilitieren.

Begründung:
Die Evangelische Landeskirche Badens war in den letzten Jahren der Weimarer Republik blind für die politische Wirklichkeit. Die noch starke Tradition des obrigkeitsstaatlichen Kaiserreichs und der als Folge des verlorenen Weltkrieges gesteigerte Nationalismus beherrschten besonders die evangelischen Kirchenleitungen.

Die badische Kirchenregierung hat darum damals die menschenverachtende, antisemitische, auf Krieg hintreibende und christusfeindliche Grundhaltung des Nationalsozialismus nicht gesehen und z. T. auch nicht sehen wollen.

Einer der wenigen, die schon damals die große Gefahr für die Kirche und für das deutsche Volk erkannt haben, war der Mannheimer Pfarrer Erwin Eckert. Ihn hat die Kirchenleitung wegen seines radikalen antifaschistischen und sozialistischen Handelns 1931 unehrenhaft seines Amtes enthoben.

Eckert hatte erklärt: Zur Kriegsgegnerschaft: „Man sollte meinen, daß die Forderung 'Nie wieder Krieg' zur Selbstverständlichkeit geworden sei nach den Erfahrungen des letzten Krieges und dessen unmittelbaren Folgen, die wir heute noch spüren und auch in den kommenden Jahrzehnten noch verspüren werden. Aber so ist es nicht. Nicht einmal die Christen in allen Völkern sind davon überzeugt, daß kein Krieg mehr sein wird und daß sie alles für den Frieden tun müßten.“ (Meersburg Dezember 1926)

Zum Nationalsozialismus: „Wir bekämpfen den Faschismus, der aus Jesus Christus, weil er ein Jude war, nun plötzlich einen Arier mit Hakenkreuz und Schwert macht. Wir bekämpfen den Faschismus, der aus dem Heiligen Geist, der aus Gottes Güte und Gnade die Menschen erfaßt hat [...] das heilige Blut der arischen Edelrasse macht. Es ist doch etwas, was einen im innersten treffen muß, daß dieser Faschismus von der bürgerlichen Kirche geschützt wird. Wir halten es für unsere Christenpflicht, für eine Forderung unserer Verantwortung vor Gott, die Bewahrung seines Geistes hier auf Erden sicherzustellen und gegen die Hemmungen anzukämpfen, die das Näherkommen seines Reiches, des Reiches Gottes, des Reiches der Gerechtigkeit, des Friedens und der Güte [...] unmöglich machen wollen. Wir sind der Überzeugung, daß eigentlich die christlichen Kirchen diesen Kampf führen müßten, und in erster Linie die Führer der christlichen Kirchen, die berufen sind, Gottes Wort und Gottes Wahrheit rein und lauter zu erhalten in den Kämpfen des irdischen Lebens.“ (Karlsruhe März 1931)

Nach dem, was das deutsche Volk, die Juden Europas und die Völker der Welt durch das nationalsozialistische Deutschland zwischen 1933 und 1945 erlitten haben, kann niemand mehr übersehen, daß der damalige Kirchenpräsident und der Oberkirchenrat versagt haben.

Der Mannheimer Pfarrer Erwin Eckert hat aus seiner Erfahrung des Elends der Industriearbeiter, der Fürchterlichkeit des Krieges und der Unterdrückung der Schwachen durch die Mächtigen in Staat und Wirtschaft und aus seinem sensiblen christlichen Gewissen heraus seine Kirche zur Einsicht gemahnt.

Mit der immer näher rückenden nationalsozialistischen Diktatur hat er in unbedingter Radikalität seine Kirche zur Umkehr zu drängen versucht, als noch Zeit war.

Diese Radikalität hat die Kirchenleitung nicht ertragen und mit dem Urteil vom 11. Dezember 1931 Pfarrer Eckert aus dem Dienst der Landeskirche entfernt, mit der Wirkung des Verlustes der Amtsbezeichnung, des Einkommens, des Anspruchs auf Ruhegehalt und der Hinterbliebenenversorgung - wegen „Dienstpflichtverletzung“!

Das war vor 65 Jahren. Bis heute hat die Badische Landeskirche diesen tapferen Pfarrer nicht rehabilitiert.

Wenn der Herr Landesbischof in seiner Predigt vom 20. Juni 1993 in Karlsruhe auch vom „Bruder Eckert“ spricht, so fehlt doch die eindeutige, unübersehbare Rehabilitierung.

Und diese darf nicht in aller Stille erfolgen, sondern mit einem deutlichen Bekenntnis des Irrtums, des Versagens und der Schuld vor Gott und gegenüber einem aufrechten, antifaschistischen und für den Frieden kämpfenden Christen und Pfarrer.

Das Wort „Wir sind in die Irre gegangen...“ muß jetzt in aller Offenheit ausgesprochen werden. Nur so kann aus der erlebten und erlittenen Geschichte eine Kraft werden, die Zukunft eröffnet, und an der die Kirche noch beteiligt sein kann. Müllheim, den 21. Oktober 1996.



Erklärung der Badischen Kirchenleitung

Der Badischen Landessynode am 22. April 1999 mitgeteilt.

Das Gedenken an die Revolution von 1848/49 hat in der Evangelischen Landeskirche in Baden das Bewußtsein für die Geschichte dieser Landeskirche geschärft. Dabei wurde außer den liberalen Traditionen, auf welche die badische evangelische Kirche mit Recht stolz ist, auch Schmerzliches deutlich.

Beispielhaft seien genannt:

  • der verständnislose die obrigkeitlichen Repressionen an Härte noch übertreffende Umgang mit den Freunden der Demokratiebewegung 1848/49 innerhalb und außerhalb der Kirche (stellvertretend stehe hierfür der Name des Pfarrers Georg Friedrich Schlatter),
  • in diesem Jahrhundert die gemeinsame Front von „Kirchlich-Positiven“ und „evangelischen Nationalsozialisten“ gegen die ungeliebte Weimarer Republik,
  • die (auch politisch motivierte) Entsolidarisierung gegenüber judenchristlichen (sic!) Pfarrern und Gemeindegliedern, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus,
  • und die Ausgrenzung und Bekämpfung religiös-sozialistischer Pfarrer wie Erwin Eckert und Heinz Kappes.

Der 100. Geburtstag von Erwin Eckert (1993) in Verbindung mit seinem 25. Todestag (1997) hat im Bereich unserer Landeskirche zu einer Petition von mehr als 350 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern geführt mit dem Ziel einer klar ausgesprochenen und unübersehbaren Rehabilitation von Pfarrer Erwin Eckert.

In unserer Verantwortung für die Leitung der Evangelischen Landeskirche in Baden erklären wir: Wir haben nicht den geringsten Zweifel, daß Erwin Eckert in allem ausschließlich seinem Gewissen und seiner Einsicht folgte und daß er - wie er es oft genug betont hat - seinen Weg gerade als Christ und als Pfarrer gegangen und seinen religiösen Überzeugungen treu geblieben ist. Insofern ist es uns nicht zweifelhaft, daß Erwin Eckert „unser Bruder“ (Landesbischof Dr. Engelhardt am 20. Juni 1993) gewesen und bis zu Ende geblieben ist.

Es ist heute nicht zu übersehen, daß das Handeln der damaligen Kirchenleitung gegenüber diesem einen ihrer Pfarrer als unverhältnismäßig erscheint, wenn man in Rechnung stellt, wie sie in derselben Zeit „politische Pfarrer“ des nationalsozialistischen Lagers im Pfarrdienst duldete, die zum Zeitpunkt der sonntäglichen Gemeindegottesdienste Feld- und SA-Gottesdienste hielten und darin ungehindert für den Nationalsozialismus werben konnten. So führt für uns kein Weg daran vorbei einzugestehen, daß die damalige Kirchenregierung betrieben hat, Pfarrer Eckert Ende 1931 „unehrenhaft“ (d.h. unter Aberkennung von Einkommen, Ruhegehalt, Hinterbliebenenversorgung, Amtsbezeichnung und der Ordinationsrechte) aus dem Pfarrdienst zu entlassen, „auf einem Auge blind gewesen ist“ (Predigt Engelhardt, a.a.O.). Sie hat ihrer Pflicht zur Überparteilichkeit nicht genügt, sondern hat - wie Eckert zu Recht kritisierte - parteiisch gehandelt und eine prophetische Stimme unterdrückt.

Dieser kritische Rückblick auf kirchenleitendes Handeln in der Vergangenheit nötigt uns auch zu der Überlegung, welche Konsequenzen daraus für uns heute zu ziehen sind. Dabei ist zu bedenken, daß jede Generation ihre eigenen Herausforderungen zu bestehen hat. Vergangene Geschichte ist immer nur aus den jeweiligen Bedingungen ihrer Zeit heraus zu verstehen. Sie wird ihres eigenen Wertes beraubt, wenn sie im aktuellen Meinungsstreit für die je eigenen Zwecke und Ziele mißbraucht wird. Gleichwohl sind historische Erfahrungen für uns heute nicht bedeutungslos. Vielmehr ergeben sich daraus Einsichten, an denen wir unser Handeln orientieren können und müssen.

Vor allem sind die theologischen Erkenntnisse fruchtbar zu machen, die in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 ihren Ausdruck gefunden haben. Das Pfarrdienstrecht enthält Regelungen, die die Pfarrerinnen und Pfarrer zur Zurückhaltung bei ihren Äußerungen zu politischen Fragen verpflichten. Sie haben dabei zu bedenken, daß sie mit ihrem Dienst an die ganze Gemeinde gewiesen sind. Damit soll eine einseitige Inanspruchnahme des Evangeliums für bestimmte politische Positionen vermieden und gewährleistet werden, daß das Amt der Verkündigung - im Sinne der 4. These von Barmen - erkennbar bleibt als Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes. Die Grenzen werden dort überschritten, wo das Wort des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne gestellt wird (Barmen VI). Es ist zu allen Zeiten Aufgabe der Kirchenleitung gewesen, solchem Mißbrauch zu wehren. Dennoch gilt, daß der gebotene Dienst an der ganzen Gemeinde gerade darin liegen kann, das prophetische Zeugnis gegen die politischen Mißstände der Zeit zum Ausdruck zu bringen, wie es bei Erwin Eckert in besonderer Weise durch seine Haltung gegenüber der Anwendung der Nürnberger Rassegesetze auf die Pfarrerschaft geschehen ist. Prophetisches Zeugnis und die Bestimmung des Pfarrdienstrechtes können nie ganz ineinander aufgehen. Die Ordnung der Kirche hat das prophetische Zeugnis zu ermöglichen und es gleichzeitig zu begrenzen. Beiden steht der unverfügbar vorgegebene Auftrag der Kirche kritisch und normierend gegenüber. Vor ihm müssen sich alle kirchlichen Handlungen und Entscheidungen verantworten.

Die Behandlung des Falles Eckert zu Beginn der dreißiger Jahre macht exemplarisch deutlich, daß eine Kirchenleitung ihren Teil der Verantwortung für die Ausübung des kirchlichen Auftrages versäumen kann, wenn sie selbst nicht frei ist von selbstgewählten politischen Wünschen, Zwecken und Plänen. Niemand von uns kann sich dafür verbürgen, daß er den Herausforderungen der damaligen Zeit besser standgehalten hätte. Diese Einsicht verbietet uns jedes selbstgerechte Urteil über unsere Vorgänger und jede moralische Anklage. Sie fordert aber unser geschichtliches Bewußtsein für unsere Verantwortung heute, die auch wir trotz allen guten Willens versäumen können und tatsächlich immer wieder versäumen. Die Erfahrungen der Vergangenheit mahnen und verpflichten uns dazu, unsere kirchenleitende Verantwortung heute im wachsenden Hören auf das Evangelium und im Bewußtsein der eigenen Grenzen so wahrzunehmen, daß auch solche Stimmen zu ihrem Recht kommen, die mit ihrer prophetischen Kraft an die Grenzen der dienstrechtlichen Ordnung der Kirche reichen, wie es bei Erwin Eckert der Fall war.

Karlsruhe, im April 1999. Margit Fleckenstein, Präsidentin der Landessynode. Dr. Ulrich Fischer, Landesbischof. Dr. Beatus Fischer, Oberkirchenrat



Auf beiden Augen blind - immer noch!“

Friedrich-Martin Balzer zur „Erklärung der Badischen Landeskirche“

  • Überschriften in der regionalen und überregionalen Presse wie „Landeskirche würdigt Mannheimer Pfarrer Eckert, der als Kommunist geschasst wurde“ (Mannheimer Morgen 16.4.1999), oder „Kirche rehabilitiert kommunistischen Pfarrer“ (junge Welt vom 17./18.April), sowie „Badische Protestanten leuchten finstere Winkel der eigenen Geschichte aus“, „Anerkennung für einst abgestrafte Pfarrer“ (Frankfurter Rundschau vom 24. 4. 1999) konnten die Erwartung wecken, daß Erwin Eckert 68 Jahre nach seiner unehrenhaften Entlassung aus dem Pfarrdienst der Badischen Landeskirche unzweideutige Gerechtigkeit widerfahren sei. Immerhin handelt es sich bei Erwin Eckert um einen ehemaligen Pfarrer, der nach zwanzigjähriger Mitgliedschaft in der SPD sich bis zu seinem Lebensende als Kommunist und Mitglied des Weltfriedensrates der Kriegsvorbereitung durch (Wieder)aufrüstung widersetzte und dafür noch 1960 von einem bundesdeutschen Gericht zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

  • Die „Erklärung“ selbst bleibt jedoch hinter Wortlaut und Intentionen der an die Badische Landeskirche gerichteten Petition weit zurück. Hatte diese Eingabe Gerechtigkeit für Eckert und ein unzweideutiges Eingeständnis des Irrtums der Badischen Landeskirche gefordert, so zieht sich die „Erklärung“ teilweise auf die Warnung vor „Selbstgerechtigkeit“ und dem „Mißbrauch“ des Lebenswerkes von Eckert im aktuellen politischen Meinungsstreit zurück.
  • Die Kirche hat es 54 Jahre lang versäumt, die „unehrenhafte“ Entfernung Pfarrer Eckerts aus dem Kirchendienst im Jahre 1931 kirchenrechtlich im Lichte der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 neu aufzurollen. Sie hat sich damit vor einer juristisch wirksamen Entschädigung für erlittenes Unrecht gedrückt, während sie gleichzeitig die zahlreichen Nazi-Pfarrer ihrer Landeskirche, auch sog. „deutsch-christliche“ Pfarrer, nach 1945 anstandslos wieder in den Kirchendienst aufnahm und ihnen Pensionszahlungen gewährte. Auch nach Eckerts Tod im Jahre 1972 hat die Kirche noch einmal 27 Jahre gebraucht, um sich mit dieser „Erklärung“ zum sog. „Fall Eckert“ amtlich und posthum zu äußern.

  • Auch in dieser verspäteten „Erklärung“ weigert sich die Kirche zuzugeben, daß Eckert im Kern dessen, worin er von ihr abwich, gegen sie theologisch und politisch recht behalten hat. Statt dessen wird Eckert mit den „politischen Pfarrern“ „im Lager des Nationalsozialismus“ auf eine Stufe gestellt. Das ist nachgerade eine Beleidigung von Eckert und eine nachträgliche Rehabilitierung der Nazi-Pfarrer in der badischen Landeskirche, von denen bereits vor 1933 - laut eigener Aufstellung - 56 Mitglieder der NSDAP waren. Wer wie die Badische Landeskirche 68 Jahre nach der „unehrenhaften“ Entfernung Eckerts aus dem Pfarrdienst eingesteht, daß sie eine „prophetische Stimme unterdrückt“ und gleichzeitig „evangelische Nationalsozialisten“ „geduldet“ habe, die „Unverhältnismäßigkeit“ des Nicht-Vorgehens bzw. Vorgehens gegen zahlreiche Nazi-Pfarrer und die wenigen Pfarrer, die der SPD oder KPD angehörten, beklagt, und immer noch meint, er sei nur „auf einem Auge blind“ gewesen, ist heute nicht sehend geworden. Wahr ist: sie war und ist auf beiden Augen blind: gegenüber dem prophetischen Zeugnis von Eckert und Kappes und gegenüber dem „trojanischen Pferd“ (Bischof Engelhardt) der Nazi-Pfarrer in der Kirche.

  • Die „Erklärung“ ist insgesamt eine Offenbarung der Rat- und Hilflosigkeit der Kirche heute. Die „Ohnmachtsformel“ „Ja und Nein“ zu Eckert wird der kirchengeschichtlichen Auseinandersetzung und dem Auftrag der Kirche nicht gerecht. Das biblische Wort „Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein. Alles, was darüber ist, ist vom Übel“ findet in der „Erklärung“ keinen Widerhall.

  • Im übrigen bleibt wohlmeinende Verneigung vor den Opfern der Kirchenjustiz und entschiedenen Kriegsgegnern wie Eckert und Kappes so lange unglaubwürdig, als die Kirche in der gegenwärtigen Situation nicht gleichzeitig den verfassungs- und völkerrechtswidrigen Aggressionskrieg gegen Jugoslawien ohne Wenn und Aber verurteilt und alles tut, um eine sofortige Beendigung des Krieges und die Wiederaufnahme von Verhandlungen zur politischen Lösung des Kosovo-Konfliktes herbeizuführen. Dazu bedarf es keineswegs eines prophetischen Zeugnisses, das bis an die Grenzen der Dienstordnung heranreicht, sondern schlicht der Zustimmung der Landeskirche zum Brief des Ökumenischen Rates der Kirche, der Konferenz Europäischer Kirchen, dem Lutherischen Weltbund, unterstützt vom Reformierten Weltbund, an den Generalsekretär der Vereinten Nationen (siehe FR vom 31. März 1999). Lebte Eckert noch, er würde, nachdem die Badische Kirche nicht mehr die geringsten Zweifel an Eckerts lebenslangen christlichen Überzeugungen hegt, diese Einladung zur Rückkehr ins Boot dieser Amtskirche - nicht nur angesichts des Schweigens der Kirche zum jetzigen Krieg - mit Entrüstung weit von sich weisen. Wer wie die Kirche nach 1945 nichts anderes unternahm, als die Nazis zu rehabilitieren und sich an der Jagd auf Kommunisten zu beteiligen, und heute zum Krieg gegen Jugoslawien schweigt, macht sich erneut schuldig und hat jede Glaubwürdigkeit in Sachen Eckert verloren.

  • Die „Erklärung“ bleibt hinter den Resultaten der geschichtlichen Forschung des Wirkens von Pfarrer Eckert weit zurück. Fast drängt sich der Eindruck auf, sie habe sie gar nicht zur Kenntnis genommen oder sich selbst nicht um die Aufarbeitung bemüht. Statt dessen dichtet sie Eckert an, daß er in besonderer Weise die „Anwendung der Nürnberger Rassegesetze auf die Pfarrerschaft“ kritisiert habe. Davon kann gar keine Rede sein. Eckert saß zu diesem Zeitpunkt wegen seines antifaschistischen Widerstandes im Zuchthaus und hatte gar keine Gelegenheit, gegen die sog. „Arisierung“ des Pfarrerstandes zu protestieren. Die „Erklärung“ dagegen meint noch immer arglos - im Ungeist der Nürnberger Gesetze - von „judenchristlichen“ Pfarrern und Gemeindegliedern sprechen zu können.

  • Eckert selbst hätte zu diesem Eingeständnis der Hilf- und Ratlosigkeit der Badischen Landeskirche wohl gesagt: „Eure Erklärung ist Geschwätz, und Ihr wißt es nicht.“ Die auf den ersten Blick bemerkenswert erscheinende Erklärung kommt zu spät, enthält zu wenig Substanz und ist in weiten Teilen höchst anfechtbar.

  • Wer meint, mit dieser „Erklärung“ diplomatisch einen Schlußstrich unter die Debatte um Eckerts aktive und passive Rolle in der Badischen Landeskirche ziehen zu können, wird auch weiterhin - trotz des „Darmstädter Wortes“ aus dem Jahre 1947 - in die Irre gehen.

  • Initiatoren und Unterzeichner der Petition, Christen und Nicht-Christen, die es mit dem Auftrag der Kirche, mit Frieden und Sozialismus ernst meinen, aber werden fortfahren, Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung innerhalb und außerhalb der Kirche unzweideutig einzufordern. Die Hoffnung bleibt: Nil inultum remanebit.


Für eine unvoreingenommene, gründliche Aufarbeitung
des Badischen Kirchenkonflikts 1930/31.
Stegreifbemerkungen zu den Beiträgen in den „Blättern des Badischen Pfarrvereins“ (Maurer, Zeller und Schadt)
von Friedrich-Martin Balzer

  1. Die von Prof. Maurer vorgetragenen Bedenken hinsichtlich des Verfahrens der „Rehabilitierung“, (nicht „Rehabilitation“, Pfarrer Eckert hat bei einem kirchengeschichtlich bedeutsamen Unfall kein Bein verloren), sind durchaus beachtenswert. Tatsächlich wäre es wohl besser gewesen, die Erklärung auf breiter Basis - unter Anhörung von Sachverständigen - zu erstellen und der Synode oder einem Ausschuß zur Beratung zu übergeben. Zumindest hätte dann eventuell die Chance bestanden, gründlicher mit der Aufarbeitung dieses Kapitels der badischen Landeskirchengeschichte umzugehen, als es in der „Erklärung“ und in den Zuschriften von Professor Maurer und Eberhard Zeller geschieht.

  2. Bei aller bedenkenswerten Kritik am Verfahren sollte jedoch nicht übersehen werden, daß mindestens drei der genannten Organe durch ihre Person bzw. Spitzenvertreter an der Abfassung bzw. Verlesung beteiligt waren. Gleichwohl würde eine „Wahrheitskommission“ wie in Südafrika sich der Sache gründlicher und umfassender annehmen können als mit dieser „Erklärung“ geschehen.

  3. Die „Unschärfe“ der „Erklärung“ ist unbestreitbar, auch wenn vermutet werden kann, daß die abgedruckten Beiträge sich offenbar ausschließlich an der definitiven Dienstentlassung orientieren, nicht aber an den seit 1929 einschlägig durchgeführten Kirchlichen Dienstgerichten, bei dessen letztem Zusammentreffen bereits im Juni 1931 die fristlose, und damit unehrenhafte Entfernung von der Kirchenleitung eingefordert worden war. Die Kritik Maurers an der Unschärfe des Gegenstandes der jetzigen „Erklärung“ läßt jedoch den Eindruck aufkommen, als sehe Prof. Maurer überhaupt keinen Grund, etwas im sog. „Fall Eckert“, der ein Fall des deutschen Protestantismus ist, zu korrigieren. Wenn andererseits die Hoffnung bestanden haben sollte, mit dieser „Erklärung“ ein für allemal alle aufgeworfenen Fragen der Anwendung des Disziplinarrechts gegenüber badischen Pfarrer (nicht nur gegenüber Eckert!), die sich der Rolle der badischen Landeskirche als „Bündnispartner“ für den aufsteigenden „Nationalsozialismus“ (siehe das Fernsehinterview mit Landesbischof Ulrich Fischer mit der Landesschau Baden-Württemberg vom 28.4.1999) widersetzten, so trügt diese Hoffnung.

  4. Prof. Maurer will offenbar den Eindruck erwecken, nicht die Kirchenregierung sei die treibende Kraft bei der Entlassung Eckerts bzw. der Zwangspensionierung von Pfarrer Kappes gewesen, sondern alles sei nach damaligem und heutigem Kirchenrecht unanfechtbar, weil unabhängig vom Kirchengericht entschieden über die Bühne gegangen. Warum, so die nahegelegte Schlußfolgerung Maurers, also überhaupt diese „Erklärung“? Recht hat, wer Recht spricht. Dabei ist wissenschaftlich bis heute nicht lückenlos aufgedeckt worden, wie die neun Theologen und Juristen sich nach der Machtübertragung an die Nazis verhalten haben. Ist dies etwa kein Thema einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Aufhellung jener so hoch gepriesenen richterlichen Unabhängigkeit? Die Nachkriegslegenden haben nur allmählich den Nimbus der angeblichen richterlichen Unabhängigkeit zur Zeit des „Nationalsozialismus“ zerstört. Von einer „Rutschbahn Weimars ins sogenannte „Dritte Reich“, die spätestens mit dem Beginn der Präsidialregierungen unter Brüning, von Papen und Schleicher im März 1930 begann, will die herrschende Lehre bis heute nichts wissen. Anders ist es nicht zu erklären, daß die Angehörigen von Ossietzky bis heute auf die Aufhebung des Urteils gegen ihn warten. Wenn übrigens Prof. Maurer von neun unabhängigen Richtern - genau genommen waren es drei Juristen, darunter zwei Staatsanwälte und keiner von ihnen war Kirchenjurist, und sechs Theologen -, spricht, zählt er die Mitglieder der Kirchenregierung Prälat Kühlewein und Oberkirchenrat Dr. Doerr zu den unabhängigen Richtern mit dazu. Eine seltsame Vorstellung von unabhängiger Justiz und Gewaltenteilung. Es mag Eindruck machen, wenn auf die „eingehende und ausführliche Urteilsbegründung“ des angeblich unabhängigen Gerichtes Bezug genommen wird. Stichhaltig wird sie deshalb noch lange nicht, wenn z. B. Eckert in der Urteilsbegründung eine angeblich eingegangene „Verpflichtung“ gegenüber dem KPD-Vorstand ohne Beleg unterstellt wird, „seine religiösen Anschauungen in der Partei nicht zu verbreiten“. Der im Urteilstext zitierte Wortlaut der Erklärung der KPD zu Eckerts Übertritt belegt indessen, daß Eckert bei seinem Übertritt „keinerlei Bedingungen gestellt wurden“.

  5. Was meint Prof. Maurer eigentlich damit, wenn er behauptet, daß Eckert deshalb aus der SPD ausgeschlossen worden sei, weil er die „Weimarer Republik“ bekämpft habe und schließlich der nach den Maßstäben der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ der „verfassungsfeindlichen“ KPD beigetreten sei? Daß die SPD und die Parteien der Weimarer Koalition, um von der explizit demokratiefeindlichen und antirepublikanischen Partei, der Deutschnationalen Volkspartei, deren ideologischer Standpunkt weitgehend mit dem Mehrheitsprotestantismus identisch war und in der einst auch der Badische Kirchenpräsident Wurth als Landtagsabgeordneter der DNVP wirkte, konsequent auf dem Boden der „Weimarer Reichsverfassung“ gestanden hätten, läßt sich auf dem Hintergrund einer Äußerung von Friedrich Ebert kaum aufrechterhalten. Dieser hatte sich wiederholt zu der Überzeugung bekannt: „Wenn der Tag kommt, an dem die Frage auftaucht: Deutschland oder die Verfassung, dann werden wir Deutschland nicht wegen der Verfassung zugrunde gehen lassen.“ (Zit. nach: Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Stuttgart 1981, S. 28).Wer dieser Aussage keinen Glauben schenken mag, schaue sich das Verhalten der heutigen, SPD-geführten Bundesregierung zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien an.

  6. Zu Recht bezeichnet Prof. Maurer die „Erklärung“ als „schwankend“ und widersprüchlich, wenn sie einerseits auf das unterdrückte „prophetische Zeugnis“ Eckerts verweise, andererseits aber rechtfertige, daß die damalige Kirchenleitung bis „an die Grenze“ der dienstrechtlichen Ordnung gegangen sei. Mit anderen Worten: Die „Erklärung enthält einerseits das Eingeständnis, das nicht näher bestimmte „prophetische Zeugnis“ Eckerts sei „unterdrückt“ worden. Andererseits hütet sich die „Erklärung“ aus Angst vor juristischen Konsequenzen davor, festzustellen, daß durch den unehrenhaften Hinauswurf Eckerts die Grenze der Dienstordnung „überschritten“ worden sei. Der Bundestag ist bei seiner pauschalen Aufhebung von Unrechtsurteilen da wesentlich weiter gegangen. Einleuchtend ist die Kritik Maurers an der Bezugnahme auf die „Nürnberger Rassegesetze“. Die „Erklärung“ verfährt offenbar ganz nach dem Motto: Die an den deutschen und europäischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft begangenen Verbrechen des Völkermords machen im Sinne der philosemitischen Staatsdoktrin jede „Erklärung“ in diesem Zusammenhang unanfechtbar. Nur wer gleichzeitig deutscher Staatsbürger jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens war und zugleich Mitglied der KPD war, der hat Pech gehabt.

  7. Wahr ist, daß die Kirche auf dem rechten und auf dem linken Auge blind war. Prof. Maurer will aber wohl sagen, wer auf dem rechten Auge leider ein wenig blind war, hat doch wenigstens gesehen, welche Bedrohung für den Bestand der Kirche von der Linken drohte und sich entsprechend rechtmäßig verhalten.

  8. Prof. Maurer ist durchaus zuzustimmen, wenn er weitere Aufarbeitungen des Badischen Kirchenkonfliktes anregt. Aber zu behaupten, es läge noch „keine Aufarbeitung der Auseinandersetzungen vor und nach 1930“ vor, zeugt nicht gerade von eben noch geforderter Gründlichkeit. (Siehe „Der Fall Erwin Eckert. Zum Verhältnis von Protestantismus und Faschismus am Ende der Weimarer Republik“ Köln 1987, 2. Auflage Bonn 1993 sowie alle weiteren diesbezüglichen Veröffentlichungen). Die Kenntnisse Prof. Maurers beschränken sich offenbar auf die von Scholder in einer Fußnote kommentierte Veröffentlichung aus dem Jahre 1973, die sich ausdrücklich nicht näher mit dem Badischen Kirchenkonflikt 1930/31 beschäftigt. Der unbefangene Leser, der es wirklich selbst wissen will, mag sich durch das Urteil des konservativen Heidelberger Professors für Kirchengeschichte Adolf Martin Ritter anregen lassen (Konflikt ist der Köder des Denkens), der nach der Veröffentlichung des sog. „Falles Eckert“ aus dem Jahre 1987 in der Zeitschrift für Kirchengeschichte 2/1989 in einer eingehenden und ausführlichen Buchbesprechung schrieb: „Mir jedenfalls ist es nach den hier vorgelegten Selbstzeugnissen unmöglich, guten Gewissens K. Scholders Urteil zu wiederholen, nach dem E. ‘seit langem tatsächlich sehr viel mehr politischer Agitator als Pfarrer und Theologe’ und somit die badische Kirchenleitung durchaus im Recht gewesen sei, wenn sie gegen E. vorging.“ [Inzwischen hat sich auch Professor Adolf Martin Ritter von seinen früheren Einsichten verabschiedet.] Eine weitere gründliche und vorurteilsfreie wissenschaftliche Aufarbeitung des gesamten Komplexes ist in der Tat wünschenswert. Wer noch immer glaubt, es ginge um die „Rehabilitierung Eckerts“, wird gut daran tun, sich mit den vorliegenden Veröffentlichungen kritisch zu beschäftigen. Wer wie die Petenden allerdings durch die Erklärung der Badischen Kirchenleitung eine Rehabilitierung der Badischen Landeskirche erhofft hatte, wird dagegen enttäuscht sein und sich mit dem Ergebnis nicht zufrieden geben.

  9. Auf die sog. „Judenchristen“, d.h. auf die getauften Staatsbürger jüdischer Herkunft sollte man sich nicht, wie die „Bekennende Kirche“ es versucht hat, beschränken, wenn sie es denn getan hat. Was aber soll die lapidare Formulierung Maurers „Wenn schon auf die Judenfrage(sic!) angesprochen wird“? Eckerts Widerstand gegen den Antisemitismus außerhalb und innerhalb der protestantischen Landeskirchen war ein notwendiger Beitrag zur Verhinderung dessen, was dann in Auschwitz geschah. Die Christen, die wegen ihrer jüdischen Herkunft aufgrund der Nürnberger Gesetze diskriminiert und ausgegrenzt wurden, auch innerhalb der evangelischen Landeskirchen und nach der Durchsetzung des „Arierparagraphen“ im Jahre 1933! in der „christlichen“ Studentenverbindung „Wingolf“, hatte Eckert vor 1933 nicht im Sinn, als er auf Massenversammlungen sich mit dem Antisemitismus eines Herrn Goebbels und eines Herrn Pfarrer Münchmeyer auseinander setzte. Zum Zeitpunkt der Kommentierung der Nürnberger Gesetze durch den späteren Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Globke, saß Eckert eben wegen seines Widerstandes gegen den menschenfeindlichen „Nationalsozialismus“ im Zuchthaus. Die krampfhafte und historisch nicht belegbare Herstellung eines Zusammenhangs zwischen Eckert und den „Nürnberger Gesetzen“ dient offenbar dem Zweck, die Erklärung vor jeder Kritik abzuschotten.

  10. Der Leserbriefschreiber Zeller fragt, ob die „Erklärung“, auch ohne eine Petition zustande gekommen wäre. Offensichtlich nicht. Sonst hätte es bereits zuvor eine solche Erklärung gegeben. Zeit genug war ja vorhanden, 68 Jahre nach der unehrenhaften Entfernung Pfarrer Eckerts aus dem Dienst. Allerdings bleibt die „Erklärung“ weit hinter den Erwartungen der Petenden zurück. Der Druck hat offenbar nicht ausgereicht.

  11. Zeller übersieht offenbar den Fortschritt, der in der Formulierung liegt, daß Eckert sich vor und nach seinem Hinauswurf von christlichen Überzeugungen habe leiten lassen, denn allzu bequem hatte die Kirche ihn lange zu den vom christlichen Glauben abgefallenen Atheisten gezählt, die keinen Anspruch auf Wiedergutmachung oder Entschädigung besitzen.

  12. Es mag sein, daß es „Freunde unter den religiösen Sozialisten“ gegeben hat, die die Mär von Eckerts Abfall vom christlichen Glauben meinten attestieren zu können. Die Parteimitglieder der KPD wußten es besser. (siehe Robert Steigerwalds Besprechung von „Ärgernis und Zeichen“ in den Marxistischen Blättern 3/1993 und die zur Wiederkehr von Eckerts 100. Geburtstag erschienene Schrift „Pfarrer und Kommunist“, Mannheim 1993). Was ist übrigens diskriminierend daran, Eckert sei „nur als Parteimitglied“ in der KPD tätig gewesen. Zeller möge Herrn Eppelmann oder Herrn Hintze fragen, als was sie sich in der CDU betätigen. Der Vorwurf des Subjektivismus fällt in diesem Fall auf den zurück, der ihn erhebt. Der Wahrheitsgehalt solcher Bezichtigungen ist ungefähr so groß, wie die Beweiskraft jenes Dekans der Badischen Landeskirche, der nach der Veröffentlichung des „Falles Eckert“ meinte, in der Badischen Kirchenzeitung an die „Aktentaschenaffäre“(siehe Mitteilungen 11/12 1988, S.32) erinnern zu müssen. Die Tatsache, daß die vom Landtag Baden-Württemberg eingeleitete Untersuchung den Vorwurf der Agententätigkeit nicht bestätigen konnte, wurde nicht zur Kenntnis genommen. [siehe Verhandlungen des Landtags von Baden-Württemberg, Beilagen, Schriftliche Antwort auf die Kleine Anfrage des Abg. Helmstädter btr. das Liegenlassen von 16.000 DM und kommunistischem Propagandamaterial in der Autobahn-Raststätte Limburg - Beilage 469, v. 11. 06. 1954 (Beilage 597, ausgg. am 30. 6. 1954)]. Auch wenn es unerfindlich ist, warum die KPD Eckert „bloßgestellt“ haben soll, weil dieser nach Rückkehr aus der DDR seine Aktentasche auf einer Autobahnraststätte liegengelassen hatte, ist von Interesse, was der gleiche Leserbriefschreiber Michael Ertz zur Bedeutung des Badischen Kirchenkonflikts anmerkt: „Wer nur einmal ganz oberflächlich die Unterlagen zu diesem Fall angesehen hat, [...] der wird von der Exemplarität dieses Falles, vor allem von der Klarheit in der gegensätzlichen Argumentation der Kontrahenten, beeindruckt gewesen sein, und dann in der Tat Elemente finden, die in der theologischen und sozialgeschichtlichen Diskussion unserer Tage noch nicht überholt sind.“ (ebda.)

  13. Das Vorgehen gegen Eckert durch die Kirchenleitung Wurth-Friedrich war keineswegs unverhältnismäßig, so als ob man mit Kanonen auf Spatzen geschossen hätte. Sie war jedoch parteiisch in dem Sinne, daß die Nazi-Pfarrer in der Badischen Kirche geschont und der Anti-Nazi-Pfarrer geschasst wurde. Zu recht weist Zeller darauf hin, daß auch aus heutiger Sicht eine Anklage gegen diese Parteilichkeit theologisch, moralisch, geschichtlich und kirchenrechtlich unverzichtbar ist.

  14. Zeller hat schon recht: Prophet wird man nicht dadurch, daß die Ordnung der Kirche dem prophetischen Zeugnis entgegensteht oder die gleiche Landeskirche 68 Jahre später ein Dokument der Rat- und Hilflosigkeit verabschiedet und dabei dem prophetischen Zeugnis und der widerstreitenden Ordnung der Kirche gleichermaßen Respekt zollt. Im übrigen sollte Zeller statt von „Verteidigungsbereitschaft“ vielleicht besser von Aufrüstung und Kriegsvorbereitung sprechen. Welchen „Verteidigungsauftrag“ hat übrigens die heutige Bundeswehr, gegen dessen Einführung Eckert frühzeitig protestierte?

  15. Als Eckert 1960(!), nicht 1965, wegen „Rädelsführerschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation“, dem westdeutschen Friedenskomitee (siehe hierzu vor allem: Ingo Müller: Die angeklagte Friedensbewegung. Ein historischer Rückblick, in: Kriminalisierung der Friedensbewegung, Abschreckung nach innen? Hrsg. von Christoph Butterwege u.a., Köln 1985; Heinrich Hannover: Der Prozeß gegen die „Rädelsführer“ des Friedenskomitees (1959/60), Zur Geschichte der Kriminalisierung der Friedensbewegung in der Bundesrepublik, in: Demokratie und Recht, 3/1985, ders.: Die Republik vor Gericht (1954-1974), Berlin 1998, S. 57-80), zu neun Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde, war er nicht Pfarrer. Was ging die Kirche also dieser „Düsseldorfer Friedensprozeß“ und seinen Angeklagten an? Daß er dabei von Martin Niemöller und Joachim Iwand vor Gericht verteidigt wurde, von der Badischen Landeskirche aber nicht, hat wohl mit der „Ordnung der Kirche“, d.h. ihrer damaligen politischen Verfaßtheit zu tun.

  16. Das hätten die Gegner des Sozialismus gerne: daß Karl Marx dorthin wieder zurückkehrt, woher er gekommen ist: ins Britische Museum. Die internationalen intellektuellen Debatten anläßlich der 150. Wiederkehr der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests sprechen eine andere Sprache. Vielleicht liest Zeller einmal, was ein Mitstreiter Eckerts, Arthur Rackwitz, 1948 dazu geschrieben hat und aus Anlaß der 150. Wiederkehr der Veröffentlichung des „Kommunistischen Manifests“ erneut veröffentlicht wurde: Der Marxismus im Lichte des Evangeliums. (siehe Berliner Dialog-Heft 2 und 3/1998). Das Exemplar dieser Schrift von Rackwitz stammt aus dem Nachlaß Erwin Eckerts.

  17. Die soziale Frage ist nach Bankrott und Niederlage des Sozialismus als real existierender Widerpart zum Imperialismus keineswegs erledigt. So sicher scheint man sich über das Ende des Sozialismus dann doch nicht zu sein. Warum sonst die Nachhutgefechte gegenüber einem längst erledigten Marxismus-Leninismus-Stalinismus? Warten wir ab, ob die nach dem Ende des „Reichs des Bösen“ selbsternannten Propheten der Friedfertigkeit und Humanität der „einen Welt“ am Ende recht behalten. In der Zwischenzeit sollten wir uns alle der gründlichen und vorurteilslosen Beschäftigung mit dem Badischen Kirchenkonflikt der Jahre 1930/31 nicht entziehen, sondern Lehren für die Lösung vor uns liegender Aufgaben suchen. Das Eingeständnis, in diesen Jahren aufgrund objektiver Bedingungen das Evangelium verfehlt zu haben, ist die Voraussetzung dafür, sich gegenwärtig gegen Verfehlungen besser zu schützen. Mit Mißbrauch für je eigene Zwecke hat dies nichts zu tun.
   

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2001 Download als PDF
   
  1. Leserbrief an die Oberhessische Presse
2. Brief an die Redaktion des RotFuchs

Friedrich-Martin Balzer                                    D-35037 Marburg 24/4/01
                                                                        Wilhelmstr. 28

An
die „Oberhessische Presse“
35039 Marburg
Franz-Tuczek-Weg 1

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich bitte um den Abdruck des nachfolgenden Leserbriefes.
Mit freundlichen Grüßen
Friedrich-Martin Balzer  

Btr.: Leserbriefe von Dr. Gottfried Mehnert und Eleonore Kaufmann in der OP vom 21. April 2001
Die unsachlichen Ausfälle gegen den Gewerkschaftskollegen Rüdiger Stolzenberg im besonderen, Gewerkschaften und Kommunisten in der SBZ/DDR und BRD im allgemeinen durch Dr. Gottfried Mehnert in der OP vom 21. April 2001 sind mehr als peinlich.

Der Autor sollte sich als CDU-Mitglied daran erinnern, dass die CDU-Hessen, nach der Niederringung des Nationalsozialismus, an der Kommunisten innerhalb und außerhalb Deutschlands einen wesentlichen, wenn nicht den entscheidenden Anteil hatten, 1946 mit SPD und KPD für den Artikel 41 der Hessischen Verfassung gemeinsam eingetreten ist. Auch wenn die SPD schon lange und die PDS schon bald nichts mehr davon wissen wollen: Der erste Satz des Ahlener Programms der CDU aus dem Jahre 1947 lautet „Der Kapitalismus ist den Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“ Erinnert sich Herr Mehnert nicht daran, dass die CDU Nordrhein-Westfalen sich noch 1950 für Verfassungsgebote eingesetzt hat, die dem Leserbriefschreiber heute als „kommunistisch“, d.h. als eine Ausgeburt des Teufels vorkommen.

Anstatt sich vor die Burschenschaften und den OB Möller zu stellen, sollte Herr Mehnert zu jener Sachlichkeit zurückkehren, die seine Marburger theologische Dissertation aus dem Jahre 1956, 1959 in Düsseldorf als Buch unter dem Titel „Evangelische Kirche und Politik: 1917-1919“  erschienen, einst ausgezeichnet hat.

Die beiden von Deutschland zu verantwortenden Weltkriege konnten neben dem Versagen des Bürgertums und der Schwäche der Arbeiterbewegung übrigens auch deshalb nicht verhindert werden, weil sich die Gewerkschaften - vor ihrem Verbot am 2. Mai 1933 - auf jene Aufgaben glaubten zurückziehen zu sollen, die Herr Mehnert – u.a. im Gegensatz zum Grundsatzprogramm des DGB aus dem Gründungsjahr der BRD 1949 - für die einzig legitimen hält. Sollte Herr Mehnert nach der abenteuerlichen Politik des deutschen Weltmachtstrebens und der im Endresultat allzu schwachen Gegenwehr nicht sein Augenmerk auf die Rolle der Evangelischen Kirche heute lenken, die, nachdem Deutschland als Großmacht, erst recht nach dem Anschluß der DDR an die alte BRD, wiedererstanden ist, ihre Militärgeistlichen wieder zu grundgesetzwidrigen und völkerrechtswidrigen Kriegseinsätzen „out of area“ aussendet?

Muß man dem Holocaust nur knapp entronnen sein und so wach und tapfer geblieben sein wie Eleonore Kaufmann, um in der Auseinandersetzung um den Auftritt der Burschenschaften und ihre Unterstützung durch OB Möller zu einer sachlichen Stellungnahme zu gelangen?

Rüdiger Stolzenberg verdient nicht in Frageform verkleidete antikommunistische Hetze, sondern Dank dafür, dass er mit dazu beigetragen hat, gegen das antidemokratische Denken innerhalb und außerhalb der Korporationen Widerstand zu mobilisieren, auch wenn sicher nicht alle Korporierten zu den Neonazis zu rechnen sind.

Der Verfasser dieser Zeilen weiß, wovon er spricht. Vor 36 Jahren trat er aus seiner „Verbindung“ aus, weil das Absingen des „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt“-Liedes von den „Alten Herren“ wieder angesagt wurde. In der Öffentlichkeit bekannten sich auf Marburger Korporationsveranstaltungen damals zu diesem nationalistischen gegenüber der sozialen Wirklichkeit dieses Landes blind machenden Ritual nur die in der wirtschaftlichen Krise hochgespülten Neo-Nazis der NPD unter Führung Adolf von Thaddens und der stolze Ritterkreuzträger des von allem Anfang an verbrecherischen Zweiten Weltkrieges, Erich Mende.

Wo stehen wir heute, wenn der (noch) amtierende Oberbürgermeister der Universitätsstadt Marburg es für richtig hält, es den Neonazis und Burschenschaftlern gleich zu tun?

Friedrich-Martin Balzer, Wilhelmstr. 28, Marburg



Dr. Friedrich-Martin Balzer                                     35037 Marburg 29/3/2001
                                                                              Wilhelmstr. 28
An
die Redaktion
des RotFuchs
(nicht abgeschickt)

Lieber Genosse Steiniger,

mit großem Interesse habe ich die mir von Rosemarie Müller-Streisand zugeschickten ersten drei Ausgaben des RotFuchses aus diesem Jahr erhalten. Der Artikel „Ein Theologe als Kommunist“ in Nr. 37 veranlasst mich jedoch zu einer Stellungnahme, um deren Abdruck ich bitte:

„Ich habe nichts dagegen, dass Theologen Mitglieder einer kommunistischen Partei, hier der DKP, sind. Vereinzelte und von ihrer Kirche verfolgte Theologen haben in der Geschichte mehr zur Sache der Arbeiterklasse beigetragen, als es staatstragende und in der Diaspora agierende kommunistische Parteien meistens wahr haben wollten. Nichts auch gegen Dieter Frielinghaus, Hanfried Müller und Rosemarie Müller-Streisand. Nichts auch gegen das ehrende Gedenken an Pfarrer Mochalski. Wenn aber Rosemarie Müller-Streisand glaubt, die Gelegenheit abermals nutzen zu sollen, um gegen „die religiösen Sozialisten“ in toto polemisieren zu sollen und zu recht für viele ihrer Angehörigen einen Zusammenhang mit der „Theologie der Befreiung“ herzustellen, ist ein Wort des Widerspruchs unerlässlich. Die Tatsache, dass von Erwin Eckert, dem ersten amtierenden Pfarrer, der öffentlich der Kommunistischen Partei beitrat und dabei sein Leben in die Wagschale warf, mit keinem einzigen Wort die Rede ist, ist mehr als peinlich. Es ist ein Skandal!

Ich teile ihre Auffassung, dass sich „in kritischen Augenblicken der Geschichte“ erweist, was von einer Sache, für die Menschen einstehen, zu halten ist. Was einer ist, was einer war, in kritischen Augenblicken der Geschichte wird es offenbar. Nun spielen „religiöse Sozialisten“ nach 1945 und Vertreter der „Theologie der Befreiung“ in unseren Breitengraten keine relevante Rolle mehr. So konnten sie beim „Anschluß“ der DDR an die BRD, Konsequenz des zu keinem Zeitpunkt von den Herrschenden und ihren Außen- und Regierungsvertretern in der BRD aufgegebenen „Alleinvertretungsanspruchs“, auch keine nennenswerte Rolle spielen. Die Evangelischen Kirchen in der DDR waren nun wahrlich nicht mit irgendwelchen „religiös-sozialistischen“ Positionen gleichzusetzen.

Auf „die religiösen Sozialisten“ einzuschlagen, kommt mir so vor wie ein der eigenen Selbstbefriedigung bzw. Selbsttäuschung dienendes Tontaubenschießen. Was die Relevanz der „Theologie der Befreiung“ betrifft, die durchaus Bezugspunkte zu den religiösen Sozialisten der Weimarer Republik aufweisen, so möge man sich beim Genossen Fidel Castro in Kuba erkundigen, der über die Lage in Lateinamerika offenbar besser Bescheid weiß.

Was die religiösen Sozialisten in der Weimarer Republik betrifft, so sind sie die einzige relativ geschlossene Gruppierung im deutschen Protestantismus gewesen, die dem heraufziehenden Faschismus Widerstand geleistet hat und 1933 zu den antifaschistischen Tätern und Opfern gehörte.

Bekanntlich habe ich mich ausschließlich mit solchen religiösen Sozialisten in meiner Erinnerungsarbeit beschäftigt, die entweder 1933, in einem kritischen Augenblick der Geschichte, auf der richtigen Seite der Barrikade gestanden haben: Erwin Eckert (Gefängnis und Zuchthaus), Emil Fuchs (Gefängnis, Berufsverbot, Emigration), Heinz Kappes (Gefängnis und Emigration), Karl Kleinschmidt (Gefängnis und Disziplinarverfahren im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht), Hermann Francke (Gestapo-Haft), Ludwig Simon (Strafversetzung), Arthur Rackwitz (Konzentrationslager Dachau) etc. (Genaueres über die christlichen Antifaschisten der ersten Stunde ist in der DDR-Zeitschrift der Leipziger Fakultät nachzulesen.) Gleiches gilt übrigens auch für das Buch über die Christen, die 1989 zu den Besiegten und Widerstehenden der Geschichte gehört haben bzw. gehört hätten. (Sie haben das Recht zur Revolution bejaht. Christen in der DDR. Karl Kleinschmidt, Hanfried Müller und Gert Wendelborn, Bonn 1993).

Stattdessen konzentrieren sich Hanfried Müller und Rosemarie Streisand mit Vorliebe auf solche „religiöse Sozialisten“, die den Lackmustest nicht bestanden haben wie etwa Georg Wünsch. Als ob er und andere religiöse Sozialisten die einzigen gewesen wären, die von der Fahne gingen, sich anpassten oder folgenreiche Fehler begingen!

Legt man das von Rosemarie Müller-Streisand zu recht eingeführte Kriterium der Nagelprobe im Jahre 1933 an, so kann von einer „Bekennenden Kirche“ im Jahre 1933 überhaupt keine Rede sein. Und auch Karl Barth hat im Jahre 1933 die „Zeichen der Zeit“ entweder nicht begriffen, oder nichts dagegen unternommen.

Nur das theologische Reinheitsgebot von orthodoxen Theologen, die zugleich orthodoxe Kommunisten sein wollen, kann den Blick auf diesen historischen Sachverhalt verstellen. Geschichte ist kompliziert und kann nur dialektisch begriffen werden. Tatsachen sollten nicht verrückt werden, auch wenn man es gerne so hätte. Der im RotFuchs zurecht von Peter Hacks gepriesene Hans Heinz Holz würde sich, so meine Hoffnung, – ohne theologisches Reinheitsgebot – dieser schwierigen Aufgabe nicht entziehen.“
   

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  Ein guter Jahrgang.
Zur Rezeption von „Blick in den Abgrund“
Replik auf die Rezension von Ulrich Peter auf der Homepage des BRSD [www.brsd.de] (von Friedrich-Martin Balzer)

Friedrich-Martin Balzer:

Ein guter Jahrgang.

Wolfgang Ruge schreibt Geschichte - Hobsbawm auch

Er würde sich gewiss - aus Bescheidenheit - gegen diese Reihung wehren: Wolfgang Ruge. Und doch verbindet ihn viel mit seinem britischen Zunftkollegen Eric Hobsbawm. Nicht nur Äußerlichkeiten laden ein zum reizvollen Vergleich. Beide wurden im Epochenjahr 1917 geboren, als mit der Oktoberrevolution in Russland ein neues Kapitel Weltgeschichte aufgeschlagen wurde. Und auch beider Lebensweg weist Parallelen auf.

Hobsbawm wuchs in Wien, Ruge in Berlin auf. Beide waren Mitglieder des kommunistischen »Sozialistischen Schülerbundes« (SSB), Hobsbawm am Prinz-Heinrich-Gymnasium, Ruge u.a. an der Karl-Marx-Schule. Der Jude und Vollwaise Hobsbawm fand nach dem 30. Januar 1933 mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Nancy Zuflucht in England, Wolfgang Ruge mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Walter in der Sowjetunion, wo er jedoch, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands, in ein Arbeitslager gesteckt wurde. Hobsbawm entkam Auschwitz. Ruge überlebte das Gulag-System. Noch im Lager, nach dem »Großen Vaterländischen Krieg«, studierte Ruge im Fernstudium Geschichte, 1947 legte er - unter Umgehung des Verbannungsregimes - seine Diplomarbeit »Zu den Handelsverbindungen Venedigs und Genuas im Schwarzen Meer (13-15. Jahrhundert)« vor. Obwohl in der »freiheitlichen westlichen Welt« lebend, blieben Hobsbawm die Türen zu einer Professur lange verschlossen. Und obwohl er bereits 1959 mit seiner ersten größeren Schrift über die »Sozialrebellen im 19. und 20. Jahrhundert« Aufmerksamkeit erregte, wurde der akademische Beförderungsbann gegen das Mitglied der Kommunistischen Partei erst 1970 gebrochen; Habsbawm wurde nun Professor für Geschichte am Birkbeck College in London.

Nach der Entlassung der letzten »Kriegsgefangenen« aus der UdSSR, war Ruge 1956 in die DDR gegangen: voller Hoffnung, im Lande von Marx, Engels, Luxemburg und Liebknecht den Sozialismus durch Geschichtsbewusstsein zu befestigen. Seine Promotion schloss er nach anfänglichen Widerständen 1959 ab. Uber drei Jahrzehnte wirkte er an der Akademie der Wissenschaften der DDR, anerkannt als ein produktiver und integrer Historiker. Sein Hauptarbeitsgebiet waren die Geschichtsschreibung der Bourgeoisie, ihre Akteure und Organisationen nach 1918 sowie die deutsch sowjetischen Beziehungen. Er war Mitherausgeber und Autor der »Zeitschrift für Geschichtswissenschaft« (Hobsbawm Redakteur und Förderer der Zeitschrift »Past and Present«); über 800 Titel verzeichnet Ruges Publikationsliste. Dazu gehören neben sorgfältig edierten Quellenwerken Biografien über Gustav Stresemann (2. Auflage 1966), Paul von Hindenburg (4. Auflage 1980), Adolf Hitler (1 983) sowie seine bisher nur in russischer Sprache vorliegende umfängliche Veröffentlichung über Heinrich Brünings Memoiren, des Weiteren Bücher über die Novemberrevolution und die Weimarer Republik. Einzelne Horizont-Verengungen und Instrumentalisierung registriert er kritisch. Sein Aufsatz »Friedenssehnsucht, Friedenskampf, Friedensdemagogie in den Novemberstürmen 1918« erschien 1983 gegen seinen erklärten Willen unter der vollmundigen Überschrift: »Die Ziele der Novemberrevolution 1918 sind in der DDR Wirklichkeit geworden.« Das Spannungsverhältnis zwischen Historikern und Ideologen - nicht nur in sozialistischen Staaten - brachte Ruge in der protokollierten Frage »Wer schreibt eigentlich Geschichte? Wir oder die Partei?« auf den Punkt. Der Zusammenbruch des so genannten realen Sozialismus desillusionierte beide. Nach diesem tiefen Einschnitt war der Klärungsbedarf unter Linken enorm. Ruges Auseinandersetzung, 1991 unter dem Titel »Stalinismus - eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte« erschienen, hat leider nicht die Aufmerksamkeit gefunden wie Hobsbawms »Zeitalter der Extreme«. Fern allen Renegatentums, sich an Tatsachen und den common sense haltend, nahmen Ruge wie Hobsbawm 1998 die sich ihnen bietenden Gelegenheiten wahr, sich zur Aktualität des Kommunistischen Manifests zu äußern. Beide verbindet auch die Kunst der Sprache. Für seine Stresemann-Biografie erhielt Ruge einen Literaturpreis. Sie unterscheiden sich in ihren Hobbys: Hobsbawm liebt den Jazz, Ruge das Schachspiel. Wissenschaftliche Neugier und ihr Elan, in den öffentlichen Diskurs einzugreifen - Wolfgang Ruge u.a. als Autor im Neuen Deutschland -‚ ist ihnen nicht abhanden gekommen. Ende September legte Hobsbawm seine Autobiografie »Interesting Times« vor, Ruges liegt (zusammen mit einer inzwischen 16 Bände umfassenden Familiengeschichte, unter denen sich auch ein Manuskript über seinen Urgroßonkel Arnold Ruge, Mitarbeiter von Karl Marx, befindet) noch unveröffentlicht in einer Schublade. Vielleicht scheint es ihm zu früh, seine Memoiren auf den Markt zu tragen. Denn er würde gerne 5000 Jahre alt werden - um zu erfahren, wie sich die Welt verändert. Am heutigen 1. November wird Wolfgang Ruge 85 Jahre alt.

In: Neues Deutschland vom 1.11.2002.



Friedrich-Martin Balzer                                         Marburg im Dezember 2002

Zur Rezeption von „Blick in den Abgrund“

Lieber NN,
Trotz der Lobesposaunen für den „Blick in den Abgrund“ bin ich, was Dich vielleicht überrascht, bisher enttäuscht. Wenn die Besprechungen in den „Marxistischen Blättern“ und im „ND“ erschienen sind, werde ich meine Enttäuschung zu Papier bringen und vielleicht den „Marxistischen Blättern“ als Zwischenruf unter dem Arbeitstitel „Wenn Christen den Marxismus rezipieren, muß nicht unbedingt und automatisch Revisionismus herauskommen!“ anbieten. Vielleicht löst das Buch am Ende doch mehr aus als eine aktuelle politische Ausschlachtung der Quellen vor 70 Jahren, sondern eine grundsätzlich neue Durchdenkung des Verhältnisses von Religion und Sozialismus.

Meine mit dem Buch verknüpfte und bewußt lancierte Hoffnung war, den Beweis führen zu können, dass der Marxismus mit Eckert und Fuchs seinen Siegeszug unter Beweis stellt. Wenn die „sanfte Gewalt der Vernunft“ in der marxistischen Methode keine Wirkung mehr auf Nicht-Marxisten ausübt: Sollten wir die Vernunft nicht gleich beerdigen? Abgesehen davon, dass sich nicht die Vernunft durchsetzt, sondern nur die zur Vernunft Gekommenen, die Vernünftigen. Das Argument der „Freidenker“, an Gott zu glauben, sei Mumpitz, man habe ihn noch nicht gesehen, ist ebenso oberflächlich wie das andere auf den ersten Blick zutreffende Argument, das auf die reaktionäre, mit der jeweiligen herrschenden Klasse verbündete Rolle der Kirche als gesellschaftlicher Organisation hinweist. Als einer, dem der Glaube als Heranwachsender bereits abhanden gekommen ist, halte ich es immer noch mit dem biblischen Satz: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Die Fülberth vorgelegte Frage bei seiner Nachbetrachtung war neben dem Aspekt der politischen Ökonomie auch die, was denn die Wochenberichte mit „Marxismus“ zu tun hätten. Der wimmelte ab und beschied: Zwar hätten Eckert und Fuchs sich „mit einer gewissen Selbstverständlichkeit“ als „Marxisten verstanden“, da sie sich zum geltenden, an das (marxistische) Erfurter Programm anknüpfende Heidelberger Programm bekannten. „Ihre Kommentare“ seien „allerdings [...] nicht von der marxistischen Kritik [...] geprägt.“ Sie seien stattdessen „an der Lage der arbeitenden Massen und an der Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Entwicklung orientiert“. Welch ein Widerspruch! Ihre „Radikalität“ habe folglich nichts mit Marxismus zu tun, sondern habe sich „aus der Evidenz der Wirklichkeit in der Weimarer Republik“ ergeben. Warum war die gleiche Wirklichkeit für andere nicht evident? Die Oberfläche der Wirklichkeit habe nicht mit der Methode des Marxschen „Kapital“ durchstoßen werden müssen, die „Tagespolitik gab Stoff genug“. [Alle Zitate Fülberth auf S. 537] Marxistische Kategorien wie „Klassenkampf“, „von oben und unten“, als Bewegungsmotoren der Geschichte, Kapitalismus, Imperialismus, Klassenjustiz, Rechtfertigungsideologien, falsches Bewusstsein etc. hat es, wenn man Fülberth folgt, alles nicht gegeben. Wenn Sie dennoch zu von Marxisten im nachhinein zu hellsichtigen attestierten Analysen und Kommentaren gekommen sind, die auch 70 Jahre danach Bestand haben, so hat das bestenfalls [Siehe Kurt Pätzold] mit ihrer individuellen „Scharfsinnigkeit und Parteilichkeit“ zu tun, nicht aber mit ihrer Marxismus-Rezeption, erst recht nichts mit ihrem Glauben! Beides zusammenzudenken, fällt den aufgeklärten Marxisten nicht nur schwer. Es ist ihnen unmöglich.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass ich, von einer kurzen Notiz in einer Rezension der „Klassengegensätze“ von Wolfgang Ruge aus den 70er Jahren abgesehen, in der UZ-Rezension von Manfred Sohn erstmals als „Marxist“, wenn auch parteibuchloser, bezeichnet werde. Bloß weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass ich seit meinem 14. Lebensjahr an den lieben Gott nicht mehr glaube und inzwischen aus der Kirche ausgetreten bin? Der Verbleib geschah auf Anraten des hochgeschätzten Paul Neuhöffer aus taktischen Gründen. Kommt dieses Attribut jetzt erst, weil ich mich bis dahin schon deshalb verdächtig gemacht habe, weil ich mich überhaupt mit christlichen Sozialisten beschäftigt habe?

Werner Röhr greift das Fülberthsche Stichwort dankbar auf und erklärt kategorisch, die „Souveränität ihres Urteils“ sei „ihrem scharfen Intellekt geschuldet“. Von Marxismus keine Rede. Sie waren ja evangelische Pfarrer, und ihre individuelle Wahrnehmung „ging nicht ohne Irrtümer und Fehlgriffe ab“ [Röhr in der jungen Welt]. Ohne diesem Tatbestand zu widersprechen: Welch eine Arroganz! Sind denn andere individuelle, und was noch schwerer wiegt, kollektiv im Namen des Marxismus-Leninismus und der Partei getroffene Analysen „ohne Irrtümer und Fehlgriffe“ ausgekommen! Ich beschränke mich andeutungsweise auf das Programm der KPD „zur sozialen und nationalen Befreiung des deutschen Volkes“ aus dem Jahre 1930 und auf das Fehlverhalten und die mangelnde Vorausschau der KPD-Führung nach dem 30. Januar 1933 – mit höchst vermeidlichen Opfern und einer gänzlich in die Sackgasse und in die Zuchthäuser und Konzentrationslager führenden Strategie.

Typisch für die Einäugigkeit Werner Röhrs ist auch seine Bemerkung, dass nur die westdeutschen Historiker bisher von den „Wochenberichten“ keine Kenntnis nehmen wollten. Nur die DDR-Forschung hat sich nach Gründung der DDR auf diese dort übrigens zugänglichen Quellen, was von den westdeutschen Historikern nicht so ohne weiteres gesagt werden kann, sogleich oder doch wenigstens im Laufe ihrer Existenz gestürzt! Diese Selbstgerechtigkeit ist peinlich!

In meinem Archiv befindet sich ein Zeitungsartikel aus dem ND, wo es in der Bildunterschrift auf der ersten Seite heißt, dass Stefan Hermlin „Herrn Eckert“ auf dem Flughafen willkommen geheißen habe. Als ob diese Distanzierung aus Gründen des Schutzes gegenüber Eckert öffentlich vorgenommen worden sei! Die westdeutschen Geheimdienste wussten sehr wohl, mit wem sie es bei Eckert zu tun hatten. Ähnliche, auch unveröffentlichte Distanzierungen gab es etwa in den nach 1972 protokollierten Gesprächen zwischen Abendroth und dem Chef-Propagandisten Conny Norden, als ersterem nach wiederholtem „Herrn Abendroth“ der Kragen platzte. Der einzige, der zu Zeiten der DDR öffentlich davon Zeugnis ablegte, dass Eckert ein belesener und sachkundiger Kenner des Marxismus-Leninismus war, ist der in Mannheim bei Kommunisten nicht so populäre Verteidigungsminister Heinz Hoffmann (siehe Mannheim Madrid Moskau, Berlin 2. Auflage 1982, S. 152ff.)

Das Ergebnis des von mir zusammengestellten Zitate aus dem Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes (siehe Quiz) wird manchen überraschen, wenn er sieht, auf welchem theoretischen Hintergrund die „Wochenberichte“ geschrieben wurden! Die Tatsache, dass zu diesen Texten auch das „Kommunistische Manifest“ gehörte, das vollständig im „Sonntagsblatt“ nebst aktualisierenden Kommentaren von Eckert abgedruckt wurde, ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Wenn die elfte Feuerbach-These in das Zentrum marxistischen Denkens trifft: Erwin Eckert und Emil Fuchs haben sich nach ihr verhalten, im großen und ganzen so tadellos, wie es uns Menschen möglich ist. Was man nicht von allen Marxisten und Kommunisten behaupten kann!

Manfred Sohn, den ich wegen seines jungen Alters und seiner von mir geschätzten frischen und weitsichtigen Herangehensweise um eine Rezension gebeten habe, die auch dem sachlich erwünschten Vertrieb des Buches wegen seines Lobs sehr dienlich war, ist trotz meines Einspruchs dabei geblieben, zu sagen, es handelte sich bei Eckert und Fuchs um Theologen, die sich „selbst als religiöse Sozialisten“ „bezeichneten“ und den „sich als sozialistisch verstehenden“ und „der Arbeiterbewegung verbundenen Christen in Deutschland“ zugehörig fühlten. Alle aufgewandte Mühe in Einführung und Anhang umsonst! Um der Erde willen: Sie haben sich nicht nur als solche „bezeichnet“, sie „verstanden“ sich nicht nur „als Sozialisten“, sie waren es auch! Wann wird die marxistisch orientierte Weltbewegung endlich aufhören, den Streit über das Paradies im Himmel zum Trennungsgrund unter den Kämpfenden auf Erden zu machen!

Was machen nun die Linken, nachdem sie die Tür zur Selbstkritik (Röhr) hinter sich zugeschlagen haben und das Reinheitsgebot des Marxismus hochgehalten haben? Wenn sie von Fehlern der KPD schon einmal etwas gehört haben, flüchten sie sich in die Arme des linksbürgerlichen, intellektuellen Carl von Ossietzky (M. Sohn im Parteiorgan der DKP), der doch allen weit voraus gewesen sei! Linksbürgerlich waren Eckert und Fuchs nicht! Ihr Analyse-Wert ist dem, ich bleibe dabei, allen vergleichbaren „Zeitungen“ haushoch überlegen. Die „Weltbühne“ war keine Zeitung, sondern eine Zeitschrift. Die Analysen, von denen Kühnl spricht, erschienen auch nicht in Kommentaren und Leitartikeln von „Zeitungen“, sondern bestenfalls in intellektuellen, versprengten theoretischen Organen, von denen, wie die Geschichte zeigt, nur unzulänglich Gebrauch gemacht wurde. Kühnls Diktum, wonach „wer den Stand der Forschung kennt“, in den „Wochenberichten“ „nichts Neues“ erfahren werde, halte ich mit Verlaub für unzutreffend. Den Beweis dafür, dass, wer wie Kühnl die „zeitgenössischen Analysen des linken Flügels der Arbeiterbewegung kennt – der SAP, der KPO, der KPD“ – zu welchem Flügel haben eigentlich Eckert und Fuchs gehört? – „dort tiefer reichende Analysen der Klasseninteressen findet“, bleibt Kühnl schuldig. Ich bleibe dabei, dass die „Wochenberichte“ cum grano salis eine einzigartige theoretische wie auf Praxis orientierende Quelle sind, an denen sich manche auf der Linken damals wie heute eine Scheibe abschneiden können. Es spricht für sie, nicht gegen sie, dass ihre Adressaten das „arbeitende Volk“ war und nicht zersplitterte und zerstrittene Intellektuellenzirkel! Wohlwollend unterstellt, handelt es sich bei der „Kritik“ von Kühnl und Sohn um Verwechselungen hinsichtlich Textsorte und Publikationsort. Reinhard Opitz und Kurt Gossweiler jedenfalls befanden das theoretische Niveau, wenn denn ein solches ausdrücklich angestrebt wurde wie etwa bei Eckerts Artikel im „Klassenkampf“, dem Organ des linken Flügels der Arbeiterbewegung, beachtlich und auf der Höhe der Zeit. Peinlicherweise muß ich aus meiner Kenntnis der Quellen sagen, dass nach Eckerts Übertritt in die KPD zwar das kämpferische Moment ungebrochen, ja gesteigert erhalten blieb, das theoretische Niveau, wie aus den wenigen, erhaltengebliebenen Texten, seiner dem ZK der KPD zur Prüfung vorgelegten Rede und einer von der evangelischen Kirche im Rheinland mitstenographierten Rede aus dem Jahre 1933 hervorgeht, keineswegs nach seinem Eintritt in die KPD gewonnen hat.

Kurz: Alles stürzt sich auf die unbestreitbare aktuelle Qualität der „Wochenberichte“. Das „Kleingedruckte“ einschließlich der Anmerkungen, die als ein Plädoyer für den Siegeszug des Marxismus unter Christen gedacht war, wird nicht zur Kenntnis genommen.

Ich hoffe sehr, dass Du Dich damit beschäftigst. Dabei wird Dir hoffentlich auch das bewusst gewählte Datum der Einführung nicht entgehen: Es ist der 250. Geburtstag von Jacques Roux, dem roten, revolutionären Priester in der Französischen Revolution, die Seele des Lebenswerkes von Walter Markov, so wie Eckert die meine ist. Die vendée, d. h. die Konterrevolution, wird nach meiner vorläufigen, aber lebensgeschichtlich gefestigten Überzeugung erst dann überwunden werden, wenn die Gralshüter des „reinen“ Marxismus, ausgerechnet besonders ausgeprägt bei Hanfried und Rosemarie Müller (vgl. u.a. den demaskierenden Bericht in RotFuchs über „kommunistische Pfarrer“ 37/2002 und meinen nicht abgeschickten Leserbrief), ihre kleinkarierten Reinheitsgebote ad acta legen und darauf orientieren, dass Marxismus als Methode, nicht als Glaubensbekenntnis, allen offen steht, die sich seiner zur Analyse und Veränderung der Wirklichkeit nach vorne bedienen. Wolfgang Abendroth hat – ich fürchte im Gegensatz zu seiner Abhandlung über die Theorie des Weltkommunismus – bleibende Orientierungshilfe hierzu hinterlassen. Der „Blick in den Abgrund“ enthält erstmals den Versuch einer systematischen Auswertung aller diesbezüglichen Äußerungen von Abendroth zum Verhältnis von „Religion und Sozialismus“ in den Jahren 1926-1983. Abendroth sollte wegen seiner rühmlich-untadeligen Biographie und seiner Schriften nicht hochgehalten werden, seine Äußerungen zu „Religion und Sozialismus“ aber in den Wind geschlagen und stillschweigend ausgeklammert werden. Don’t say Abendroth, Abendroth and do not take his writings about the relationship between religion and socialism seriously. An Abendroths diesbezüglichen Aussagen sollte sich die linke Bewegung ein Beispiel nehmen. Prinzipienfest und dialektisch zugleich! Davon kann bisher nur wenig die Rede sein. Auch nicht bei anderen Abendroth-Schülern!

Wer das Subjekt der Revolution ist, hat Rudolf Olden im Anschluß an Brechts Kuhle Wampe sehr schön pointiert: „Wer wird die Welt verändern? – Die, denen sie nicht gefällt!“ (Abgrund S. 292). Wir werden die Welt nicht verändern, wenn wir uns ausschließlich auf die konzentrieren, die vorgeben, den „reinen Marxismus“ zu vertreten, sondern, nicht erst im Himmel, sondern auf Erden, hocherfreut sind, welche Erkenntnisfortschritte allen Menschen, auch denen, die christlichen Glaubens sind, bewusst oder unbewusst dank des Marxismus offen stehen.

Ich bin mir inzwischen, sosehr mich auch der Beitrag von Hans Heinz Holz in „Ärgernis und Zeichen“ 1993 zu Tränen gerührt hat, unsicher, ob die von ihm eingeführte Formel von der „Aporie“ im Falle von Erwin Eckert schon die Lösung darstellt. Ist diese Aporie bei Erwin Eckert wirklich ein „special case“ oder tragen wir nicht alle unsere individuellen „Aporien“ in und mit uns herum?

Sei mir nicht böse, wenn ich so offen das herunterschreibe, was mir auf dem Herzen liegt. Ich bin kein erfolgreicher Politiker: „cold-hearted and with twisted tongues“. Ich kann irren, habe schon geirrt und werde wieder irren. Aber nur, in dem ich das sage, was ich denke, kann ich meine Ansicht korrigieren. Wenn allerdings das, wofür Eckert und Fuchs stehen, mit Wort und Tat gestanden haben, nichts mit Marxismus und Sozialismus zu tun haben sollte, verstehe ich die Welt nicht mehr oder ziehe mich, wie andere auf den Standpunkt zurück: Die anderen sind verrückt, nicht ich! Ob das der Gemeinsamkeit im Kampfe dienlich ist, muß bezweifelt werden. Mögen wir auch in Zukunft auf rote Priester wie Jacques Roux, Erwin Eckert und Emil Fuchs nicht verzichten müssen!

Herzlich Dein Martin



Friedrich-Martin Balzer

Replik auf die Rezension von Ulrich Peter auf der Homepage des BRSD [www.brsd.de] (von Friedrich-Martin Balzer)

Wer wie Ulrich Peter wissenschaftliche Autorität für sich reklamiert und darauf verweist, dass er „ca. 2000 Seiten“ zur „Realgeschichte des BRSD“ publiziert habe (CuS 1-2/2001) und in den BzG zum 75. Jahrestag der Gründung des BRSD keine einzige, außer seinen eigenen Veröffentlichungen zur Geschichte des BRSD benennt, muß sich gefallen lassen, dass ihm andere Zahlen entgegengehalten werden. Wissenschaftliche Relevanz und Präsenz lassen sich nämlich durchaus objektiv quantifizieren und qualifizieren. Auflagenhöhen allein sind nicht ausschlaggebend. Beispielsweise erscheint in dieser Woche die 168. Buchbesprechung zu einer Veröffentlichung von Friedrich-Martin Balzer. Es ist ungerecht, wenn es darin heißt, dass der Bund der Religiösen Sozialisten „in der deutschen Geschichtsschreibung in Ost und West – mit Ausnahme der Publikationen von Friedrich-Martin Balzer – bisher keine große Aufmerksamkeit gefunden“ habe. Von ungefähr kommt indes diese Wertung nicht. Verfasser der inzwischen mehr als 200 Rezensionen sind durchweg ausgewiesenen Wissenschaftler, darunter zur Hälfte Professoren unterschiedlicher Provenienz. Auch noch so marktschreierische Buchtitel wie die 2. Buchveröffentlichung von Peter werden nichts daran ändern, dass sich Peters Beiträge zur Geschichte des BRSD wissenschaftlich quantitativ, qualitativ und rezeptionsgeschichtlich  in Grenzen halten. Für seine Ende 2002 erschienene Buchpublikation mit dem reißerischen Titel „Christuskreuz und rote Fahne. Der Bund der religiösen Sozialisten in Westfalen und Lippe während der Weimarer Republik“ gilt, was Wolfgang Abendroth über Lokal- und Regionaluntersuchungen dieser Art ohne Gesamtüberblick feststellte: Sie sind nicht einen Schuß Pulver wert, wenn sie auf die Einordnung der zweifellos fleißigen Detailerhebungen in den Gesamtzusammenhang verzichten. Wer sich ein Bild von der unterschiedlichen wissenschaftlichen Präsenz und Relevanz der Veröffentlichungen von Balzer und Peter ein Bild machen möchte, kann dies leicht durch einen Blick in die weltweiten Bibliothekskataloge u.a. in die Library of Congress realisieren. Angesichts der unterschiedlichen Relevanz der Veröffentlichungen von Balzer und Peter könnte also über eine wissenschaftlich fragwürdige und persönlich enttäuschende Buchbesprechung von Ulrich Peter zur jüngsten Veröffentlichung von Balzer/Weißbecker über und von Erwin Eckert und Emil Fuchs getrost hinweggesehen und zur Tagesordnung übergegangen werden. Doch Peter verfälscht so viele Tatsachen, dass zu seiner Rezension Stellung genommen werden muß.

Peters Aufteilung des Buches in „zwei Teile“ ist willkürlich. Die scheinbar penible Angabe der Seitenzahlen, auf denen sich die beiden Teile befinden sollen, ist unvollständig. Sie übersieht, dass das Buch 646 Seiten hat. Bei Peter endet es auf Seite 602. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass er die Veröffentlichung der Wochenberichte fälschlicherweise als bloßen „Reprint“ eines „Pressespiegels“ von Erwin Eckert und Emil Fuchs bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um eine historisch-kritische Edition der Wochenberichte. Dies geht nicht nur aus der „thematischen Einführung“ der Herausgeber und dem Essay über die „Vertreibung Erwin Eckerts aus dem Bund der religiösen Sozialisten“ hervor, sondern aus den 20 Seiten umfassenden 217 Endnoten (S. 514-533) und dem wissenschaftlichen Apparat (S. 603-646) hervor, der unter anderem 370 biographische Erläuterungen zu den in den Wochenberichten vorkommenden Personen enthält (S. 609-632).

Das wöchentliche Bundesorgan hatte nicht erst seit 1933 (!), wie Peter behauptet und auch in seiner Druckversion wiederholt, ein Format von einem DIN-A-2 Bogen mit vier Druckseiten im Format DIN-A-3, sondern bereits seit 1931. Mein Hinweis auf die Unrichtigkeit seiner Behauptung auf der Homepage des BRSD, dass das SAV erst ab 1933 im DIN-A-3-Format erschien, hat Peter nicht veranlasst, diesen Fehler in seiner Druckversion in CuS zu korrigieren. Damit ist das Format von 72 der 91 Wochenberichte vom Rezensenten unzutreffend angegeben. Folglich entspricht auch der von ihm behauptete Umfang („1¼ Seite bzw. 2/3 Seite“) nicht den Tatsachen. Für den heutigen Leser dürften die folgenden Angaben eine genauere Vorstellung vom Umfang geben: Die 23 Wochenberichte von Eckert hatten einen durchschnittlichen Umfang von ca. 13.800 Zeichen (einschließlich Leerzeichen), die 68 Berichte von Emil Fuchs hatten von Woche zu Woche einen durchschnittlichen Umfang von 12.500 Zeichen (einschließlich Leerzeichen).

Die Höchstauflage des Bundesorgans von 17.000 ist keine von den Herausgebern aus der Luft gegriffene Zahl. Sie ist nachzulesen in der Neuen Stimme, 8/1974, S. 15 bzw. in den „Miszellen zur Geschichte des deutschen Protestantismus“, Marburg 1990, S. 158f. Quelle sind die Materialien der Aufsichtsratssitzung des Verlages vom 23. September 1932, in dem das Bundesorgan erschien. Das umfangreiche Privatarchiv Eckert stand dem Rezensenten zur Überprüfung und Auswertung stets offen. Auch lagen dem Rezensenten vor der Drucklegung wesentliche Teile der Begleittexte von „Blick in den Abgrund“ vor. Leider hat er keinen Gebrauch davon gemacht, um strittige Fragen vor der Drucklegung zu klären. Kennzeichnend für den Umgang des Rezensenten mit den Herausgebern ist die Tatsache, dass er nur die Zahl von 17.000 für eine „Täuschung“ hält (Singular statt Plural!). Nicht die von den Herausgebern angegebene Zahl der Höchstauflage „täuscht“, sondern alle Auflagenzahlen täuschen, da die Zahl der Leser fast doppelt so hoch war. Näheres findet sich in der „thematischen Einführung“ (S. 13).

Die ursprüngliche Behauptung Peters, Emil Fuchs sei Schriftleiter des Bundesorgans gewesen, hat er nach Einspruch durch Balzer zurückgezogen bzw. korrigiert.

Die Bewertung von Tatsachen bleibt jedoch nach wie vor anfechtbar. Der von Peter vollständig wiedergegebene Brief des stellvertretenden Vorsitzenden Bernhard Göring (siehe Abgrund, S. 560) wird von Peter unzutreffend bewertet, wenn er übersieht, dass mit diesem Brief gerade versucht wurde, den Bund auf den „Tolerierungskurs“ des PV der SPD zu zwingen, was dann ja auch weitgehend gelang. (Siehe die Parteinahme des Bundes für die Wahl Paul von Hindenburgs im Jahre 1932, in der er sich dazu verstieg zu erklären, „dass in Hindenburg sich wirkliches Christentum der Tat im Sinne der Botschaft Jesu verkörpert“ (Abgrund, S. 581). Spätestens, nachdem der von SPD und BRSD bei der Reichspräsidentenwahl 1932 unterstützte Paul von Hindenburg die Ernennungsurkunde für Adolf Hitler, Hermann Göring, später auch Joseph Goebbels unterzeichnet hatte, hätte es den damaligen und heutigen Verfechtern des Tolerierungskurses dämmern müssen, wie wenig sie einem Mann an die Spitze des Volkes verholfen hatten, dem „Reichsverfassung und Republik nicht Worte, sondern Werte sind.“ (Abgrund, S. 581) Heinrich August Winkler hat sich in der Kontroverse um die Streichung Hindenburgs als Ehrenbürger von Potsdam und Berlin ebenso wie die PDS für die Streichung ausgesprochen. Will Peter wie die sozialdemokratischen Abgeordneten in Potsdam und Berlin an Hindenburg als „Ehrenbürger“ festhalten? Die Lektüre von Wolfgang Ruges Hindenburg-Biographie „Porträt eines Militaristen“ könnte ebenso hilfreich sein wie die jüngst erschienene Schrift „Wer war Heinrich Brüning?“

Die Behauptung, dass für die Informationen der Wochenberichte mit Rücksicht auf den PV der SPD „in der Regel keine Quellenangaben“ gemacht wurden, ist unzutreffend und wurde inzwischen zurückgezogen. Wie wissenschaftlich unsachlich diese Behauptung war, soll aber gleichwohl  belegt werden. Die 91 Wochenberichte von Eckert und Fuchs geben 200 Quellen an. Diese verteilen sich auf 82 verschiedene Presseorgane. Sie belegen die Aussage Wolfgang Ruges, dass beide Berichterstatter „ein Maximum der damals zugänglichen Quellen ausgeschöpft“ und somit „viele Details der Entwicklung treffend bewertet“ haben (Abgrund, S. 15). Am meisten zitiert werden: Berliner Tageblatt (21 Nennungen), Vorwärts (20), Deutsche Allgemeine Zeitung (13), Völkischer Beobachter (9), Der Angriff (8), Le Matin (8), Rote Fahne (8), Deutsche Bergwerkszeitung (6), Vossische Zeitung (6), Germania (6), Der Deutsche (6), Wosr (5), Le Populaire (4), Wolffsches Telegraphenbüro (4), Berliner 12-Uhr-Blatt (3), Daily Herald (3), Frankfurter Zeitung (3), Iswestija (3), Kölnische Volkszeitung (3), Tägliche Rundschau (3) und Weltbühne (3). Es ist unstrittig, dass von Eckert und Fuchs nicht alle Quellen, aus denen sie schöpften, angegeben wurden. Bei der Anzahl von 82 genannten Presseorganen ist es jedoch sachlich nicht aufrechtzuerhalten, unter Berufung auf Peters Kronzeugen Aurel von Jüchen von einem „Pressespiegel“ zu sprechen, bei dem „in der Regel keine Quellen angegeben“ werden.

Wer die Wochenberichte liest, wird feststellen, dass sich die Verfasser keineswegs auf Tatsachen und Berichte beschränken, sondern sie auch in ihrem Sinne interpretieren. Der Titel des Buches ist dem „Berliner Tageblatt“ entnommen. Der Untertitel ist bewusst gewählt: Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen.

Worin die Richtung dieser Interpretation bestand, nämlich im Plädoyer für ein Zusammengehen von SPD und KPD, erfährt der Leser in Peters Rezension nicht. Er erfährt lediglich, dass „der BRSD sich gegen Zerstörung der ersten deutschen Republik wandte“. Die Bedeutung der Wochenberichte herunterspielend, spricht der Rezensent vage und unangemessen von einer „Sight-Seeing-Tour durch die letzte Phase der Weimarer Republik“. Wahr ist, dass das Ortsregister der in den Wochenberichten vorkommenden Orte Hunderte von Städten und Orten im In- und Ausland verzeichnet. Eine bloße „Sight-Seeing-Tour“ sind die Wochenberichte deshalb jedoch noch lange nicht.

Der Rezensent verhehlt nicht, dass seine eigenen Veröffentlichungen „an manchen Stellen Gegenstand der Kritik“ seien und „ärgert“ sich über die „Bewertung der Wochenberichte im historischen Kontext durch die Herausgeber“, die er für „nicht zutreffend“ hält. Gründe und Gegengründe führt er nicht an.

Während Manfred Sohn in der UZ den „Blick in den Abgrund“ als „monumental“ mit Arno Peters Synchronoptischer Weltgeschichte in einem Atemzuge nennt, Kurt Goldstein die Wochenberichte mit Viktors Klemperers Tagebücher auf eine Stufe stellt und Eric Hobsbawm von einer „significant contribution to the history of Germany in the years of transition to Hitler“ spricht („View into the Abyss“ represents not only an important contemporary testimony of the time when Hitler rose to power, but also something which is too often forgotten – the radical leftwing element in German Protestantism in the Weimar Republic“ – Karl Barth gehörte nicht dazu! Er war ein theologischer Radikaler, an die Wurzel gehender Theologe, kein politischer Radikaler vor 1933! FMB), entsteht in der Rezension Peters der Eindruck, als ob sich hier jemand mit den Fingern schnipsend zu Wort meldet, um zu sagen: „Ich weiß etwas“ oder „Ich weiß es besser“.

In Anlehnung an Manfred Sohns Besprechung des „Abgrundes“ in der UZ, zitiert er unter Weglassung allen Lobs dessen anfechtbare Kritik, wonach die Wochenberichte von den Herausgebern überschätzt worden seien, in den Worten Peters (angeblich aus Gründen der Werbestrategie à la Qumran) „heillos überhöht“ seien. Peter und Sohn können beide nicht genau lesen. Die Herausgeber schrieben, dass die Wochenberichte „vergleichbaren Leitartikeln und Kolumnen anderer Zeitungen jener Jahre [...] weit überlegen“ sind. An diesem Urteil kann bis zum Beweis des Gegenteils festgehalten werden, da die von Sohn und Kühnl ins Feld geführten Publikationsorgane (einschließlich der „Weltbühne“) keine Zeitungen waren.

Reinhard Kühnl zeigt sich in seiner Nachbemerkung erstaunt über die „Schärfe des Blicks“ christlicher Sozialisten. (S. 542) Er hält es wohl für undenkbar, dass Christen – Theologen sogar – etwas vom Marxismus begriffen haben können, ja selbst – ohne Preisgabe ihres christlichen Glaubens - marxistische Analysen geliefert haben. Siehe Wolfgang Abendroth in seiner SPD-Geschichte „Aufstieg und Krise“ (siehe auch die beiden grundsätzlichen und völlig unbekannten Aufsätze von Abendroth zu „Religion und Sozialismus“ aus den Jahren 1927/28 im Anhang), in der er den „religiösen“ Sozialisten zuweilen mehr Marxismus-Rezeption (Marxismus als METHODE nicht als abgeschlossenes WELTANSCHAUUNGSSYSTEM!] zubilligt als denen, die den Marxismus in der Weimarer Republik an Feiertagen wie eine Monstranz bzw. leere Worthülse vor sich her trugen oder ihn in linksopportunistischer Weise missverstanden bzw. ihren tagespolitischen Ideologien anpassten. Ausgeschlossen scheint es für Kühnl und andere zu sein, dass sie auf dem linken Flügel der Arbeiterbewegung standen und beachtliche Beiträge zur Analyse des heraufziehenden Faschismus geliefert haben. Andere Experten der Faschismustheorie sehen das anders. (Siehe Reinhard Opitz’ Stellungnahme zu Eckerts Aufsatz im „Klassenkampf“ „Opposition – nicht Koalition“ in: Klassengegensätze in der Kirche, Bonn 1993, S. 214f.) Kurt Gossweiler stellt fest, dass der Aufsatz „eine warnende Stellungnahme eines linken Sozialdemokraten und religiösen Sozialisten zur Politik der Führung seiner Partei gegenüber dem deutschen Imperialismus und der wachsenden faschistischen Gefahr im Herbst 1930“ sei. Als solche sei sie „sehr bemerkenswert, weil klarsichtiger und konsequenter als alles, was sonst von linken Sozialdemokraten aus dieser Zeit, seine Freunde Rosenfeld und Seydewitz eingeschlossen, bekannt ist.“ (Brief an Balzer vom 4.4.2002) Es ist zu hoffen, dass dieser höchst aktuelle Text Eckerts („Opposition – nicht Koalition“) ebenso wie seine historische Rede „Christuskreuz – nicht Hakenkreuz“ demnächst auf der Website des BRSD nachzulesen ist. Dann können sich die Leser selbst ein Urteil bilden. Im übrigen gilt, dass der Marxismus die Lösung von Problemen (hier des erfolgreichen antifaschistischen Kampfes) nicht in von realem Klassenkampf gelösten theoretischen Abstraktionen sieht, so wichtig sie für die Praxis sind, „sondern in der lebendigen Praxis des Kampfes selbst“(Wolfgang Abendroth). Anders ausgedrückt: am 30. Januar 1933, dem Scheitelpunkt der Klassenauseinandersetzungen der Weimarer Republik siegten nicht etwa Carl Schmitt und Ernst Forsthoff über Karl Marx und August Thalheimer, nicht das Hakenkreuz über das Christuskreuz, sondern die herrschende Klasse über die Arbeitnehmerklasse.

Geradezu abenteuerlich ist die Entgegnung Peters zur Feststellung Wolfgang Ruges, den er an anderer Stelle als Nestor der DDR-Historiographie bezeichnet, wonach die „Wochenberichte“ „sowohl von der bundesrepublikanischen als auch von der DDR-Forschung bewusst verschwiegen wurden“ (Abgrund, S.15). Was damit, auf die DDR-Geschichtswissenschaft bezogen, gemeint ist, ist nachzulesen in dem Aufsatz „Emil Fuchs – Erbe der Großen Französischen Revolution und des Roten Oktober“ (in: CuS, 2/2000, S. 51f.)

Wenn, wie Peter behauptet, von einem bewussten Verschweigen der „Wochenberichte“ in der DDR keine Rede sein könne, muß er die Frage beantworten, warum in den DDR-Bibliographien zu Emil Fuchs zwar alle von ihm verfassten Aufsätze in der „Christlichen Welt“ aufgelistet wurden, von den mehr als 200 Veröffentlichungen, die Fuchs als Autor des „Sonntagsblattes des arbeitenden Volkes“ bzw. des „Religiösen Sozialisten“ publizierte, keine einzige auch nur Erwähnung fand, geschweige denn wissenschaftlich aufbereitet wurde. Auf dieses Manko wurde bereits 1971 von Eckert und Balzer in einem Brief an Emil Fuchs hingewiesen. (Siehe inzwischen die Bibliographie von Claus Bernet im Bio-Bibliographischen Kirchenlexikon im Bautz-Verlag).

Von „Giftschrank“ war nie die Rede, wohl aber von Einbeziehung der „Wochenberichte“ in die wissenschaftliche Forschung. Für die alte Bundesrepublik gilt, dass Hauptseminar- und Magisterarbeiten sowie die Veröffentlichungen von berufstätigen Lehrern und angehenden Pfarrern keineswegs beweisen, dass sich die Zunft der westdeutschen Historiker der Quellen angenommen hätte. Nicht nur in der achtbändigen „Geschichte der Arbeiterbewegung“ (DDR), sondern auch in den umfangreichen Bänden von Hermann August Winkler zur Geschichte der Weimarer Republik fehlt bis heute jeglicher Bezug auf religiöse Sozialisten wie Erwin Eckert und Emil Fuchs. Warum hat der Hamburger Historiker Fritz Fischer die Veröffentlichung und Auswertung der „Wochenberichte“ wohl mit einem Gutachten so nachdrücklich unterstützt (Abgrund, S. 14), wenn die Zunft der westdeutschen Historiker dieser Aufgabe schon längst nachgekommen wäre?

Kernpunkt der politischen Auseinandersetzung ist die Frage nach der Rolle des Bundes bei seiner Unterwerfung unter die Tolerierungspolitik des SPD-Parteivorstandes durch Entmachtung und Ausgrenzung ihres Bundesvorsitzenden, Erwin Eckert. Dieser gehörte dem linken Flügel der Partei ebenso an wie Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld. Wolfgang Abendroth, der zeit seines Lebens Antistalinist blieb, schloß sich 1932 trotz seines Ausschlusses aus der KPD im Jahre 1928 jener Partei wieder an, in die Eckert im Oktober 1931 gedrängt worden war. Eckert wie Abendroth suchten durch ihre KPD-Mitgliedschaft den Kontakt zu den widerständigen Massen nicht zu verlieren. Beide sahen in der Tolerierungs- und Stillhaltepolitik der SPD ab 1930 eine verhängnisvolle Preisgabe der Weimarer Verfassung. Nach Abendroth ließ sich die SPD zur Tolerierungspolitik gegenüber den Notverordnungen Brünings verleiten. Sie gab damit nicht nur Stück um Stück die Rechte und das Lebenshaltungsniveau der Arbeitnehmer, sondern auch die Verteidigung der Verfassung praktisch auf. Die innerparteiliche Kritik wurde (um diesen selbstmörderischen Kurs zu sichern) durch den Ausschluß der entschiedensten Opponenten Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld ausgeschaltet. Es war die Solidarität Eckerts mit eben dieser ausgeschlossenen innerparteilichen Opposition und sein eigener Widerstand gegen die Tolerierungspolitik der SPD gegenüber dem Kabinett Brüning und dessen sozialreaktionären und verfassungswidrigen Maßnahmen, die den Bund veranlassten, seinen Vorsitzenden Eckert zu entmachten und so den Bund auf Tolerierungskurs zu bringen.

Das ist der Irrtum des Rezensenten: Es war eben nicht der BRSD, der sich gegen die „Zerstörung der ersten deutschen Demokratie“ wehrte, es sei denn, der Rezensent glaubt, die „Tolerierungspolitik“ sei ein probates Mittel zur Verteidigung der Republik gewesen! Die Differenz in der Beurteilung des Bundes durch Peter und Balzer (Tolerierung einer sozialreaktionären, die Verfassung aushöhlenden und auf Kriegsbeteiligung bedachten Politik) ist auch heute von großer Aktualität angesichts der Frage, wie der „Enttabuiserung des Militärischen“ und dem „Umbau des Sozialstaats“ begegnet werden soll. Wer Ulrich Peter als Kronzeugen verwendet, sollte wissen, was er tut. Als Partner wirklich wissenschaftlicher Diskussion hat er sich so lange selbst ausgeschaltet, wie er mit Tatsachenbehauptungen arbeitet, die die Grundfragen des BRSD und die Lehren, die aus der Geschichte des BRSD zu ziehen sind, bewusst ignoriert und verfälscht.

Kurz: Übereinstimmung zwischen Balzer und Peter besteht darin, dass Eckert und der Bund nicht gleichzusetzen sind. Ihre unterschiedliche Beurteilung bezieht sich auf drei Fragenkomplexe: 1. War es richtig, dass die SPD ihre innerparteiliche Opposition ausschloß? Während Balzer in Übereinstimmung mit Wolfgang Abendroth und Jan Rehmann diesen Weg für „selbstmörderisch“ hält und die Folgen für das antifaschistische Potential negativ einschätzt, kommt Peter in Anlehnung an den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und Gewerkschaftssekretär Bernhard Göring zu dem Schluß, dass dieser Beschluß des Parteivorstandes nicht nur vertretbar, sondern notwendig war. Die zweite Frage hängt eng damit zusammen und läßt sich auf Bundesebene so formulieren: War es richtig, dass führende Bundesmitglieder, vor allem soweit sie Mandats- und Funktionsträger in SPD und Freien Gewerkschaften waren, Eckert bereits vor seinem Ausschluß aus der SPD zu entmachten trachteten, um gegenüber der SPD-Führung unter Beweis zu stellen, dass sie diesen Kurs mittragen? Während Balzer diesen spätestens seit Juli 1931 in Gang kommenden Prozeß verurteilt, übrigens in Übereinstimmung u.a. mit Arthur Rackwitz, Paul Piechowski, Heinrich Schwartze, Ludwig Simon und Emil Blum, weil er die Unabhängigkeit des Bundes gegenüber der Großorganisation SPD schwächte und die viel beschworene Einheitsfrontpolitik des Bundes in Frage stellte, schlägt sich Peter auf die Seite der Entmachter und sieht in dem Hinausdrängen Eckerts aus dem Bund, der mit seinem Eintritt in die KPD keineswegs die Brücken zum Bund abreißen wollte und allerlei Kompromisse hinsichtlich seiner künftigen Stellung im Bund einzugehen bereit war, einen notwendigen Schritt der „Säuberung“ des Bundes von fragwürdigen Tendenzen und Personen.

Schließlich unterscheiden sich Balzer und Peter auch in der Beurteilung  von  Eckerts Schritt, als erster amtierender Pfarrer Mitglied der KPD zu werden. Während die „Bruderschaft sozialistischer Theologen“ Eckerts Amt und KPD-Parteimitgliedschaft für vereinbar hielten und die unehrenhafte Dienstentlassung durch die badische Landeskirche verurteilten, rechtfertigt Peter die Absetzung Eckerts am 18. November 1931 von allen Ämtern im Bund, noch bevor die Kirche ihr Machtwort am 11. Dezember 1931 gesprochen hat und bringt kein Verständnis für die Konsequenz Eckerts auf. In Übereinstimmung mit Klaus Scholder ist er offenbar der Auffassung, dass die Kirche recht getan habe, als sie ihn unehrenhaft entließ. Dies geht auch aus dem Fehlen einer Unterschrift Peters unter die Petition an die Badische Landeskirche hervor. Mehr als ein Drittel der Unterzeichner der Petition, zu Eckerts Dienstentlassung Stellung zu nehmen, waren Theologen (133), darunter fünf Theologieprofessoren (u.a. auch durch eine eigene Eingabe von Walter Kreck) und der gegenwärtige badische Landesbischof selbst. Namhafte Repräsentanten des heutigen Bundes unterschrieben zusätzlich zur Unterschrift des Bundes diese Erklärung: Darius Dunker, Udo Fleige, Reinhard Gaede, Martina Ludwig, und Heinz Röhr.  Unter den mehr als 340 Unterzeichnern, darunter auch namhafte Historiker des Bundes wie Hans Prolingheuer, Michael Rudloff, Gert Wendelborn, Marie Veit, Hannelis Schulte und Manfred Weißbecker, findet sich der Name von Ulrich Peter nicht.

Kurz: Während sich Balzer auf die Seite der unterlegenen Minderheiten in SPD, KPD, Bund und Kirche stellt, hält es Peter mit den stärkeren Bataillonen in SPD, Bund und Kirche.

Da Peter, anders als Manfred Sohn, den internationalen Focus der Wochenberichte total aus den Augen verliert, sei hier wenigstens an einer Stelle aus aktuellem Anlaß auf diesen hingewiesen: Am 17. Juli 1932 wies Emil Fuchs unter Quellenangabe einer Londoner Zeitschrift, die dem Kriegsministerium nahe stand, auf die Gefahr hin, dass „England seine Ölinteressen im Irak und in Persien durch Verstärkung seiner Luftstreitkräfte im Irak und einen Einmarsch in Persien“ glaubte schützen zu müssen. (Abgrund, S. 367) Nach der Aufnahme des Irak in den Völkerbund, sah sich Großbritannien – anders als heute, da ein völkerrechtswidriger und verfassungswidriger Angriffskrieg gegen ein Mitglied der UN offen geplant wird – „gezwungen, seine Truppen von dort zurückzuziehen. Vor kurzem wurde dieser Abmarschbefehl widerrufen und statt dessen neue Spezialtruppen nach dem Irak gebracht“. (Abgrund S. 373) Und mit großem Bedauern stellte Fuchs am 9. Oktober 1932 fest, dass „der frühere entschlossene Sozialist“„Ramsay MacDonald, der als Pazifist während des [1. Welt-] Krieges im Gefängnis saß“ nunmehr „Träger der englisch-imperialistischen Politik“ sei (Abgrund, S. 429) Welcher Zeitgenosse fühlt sich nicht an den „poodle“ Blair von „New Labour“ erinnert? Was Jochen Klepper am 28. Januar 1933 in sein Tagebuch (Unter dem Schatten deiner Flügel, 1956) schrieb „Nur nicht auf einen Krieg zusteuern. Nur das nicht!“, würde sicher auch heute von Eckert und Fuchs unterschrieben werden, die in ihrer Zeit alles in ihrer Macht taten, um den von ihnen vorausgesehenen Zweiten Weltkrieg als erneuten Griff nach der deutschen Weltmacht im Rahmen des „Weltimperialismus“ zu verhindern. Zukünftige Kriege werden auch „durch gezielte Verfälschung der Vergangenheit vorbereitet“ (W. Ruge, Abgrund, S. 555)

Fazit: Der Rezensent hätte nicht einen „wissenschaftlich“ versierten Freund fragen müssen, wie er eine Rezension schreiben solle. Es hätte schon genügt, wenn Peter den Grundsatz des klassischen Journalismus beherzigt hätte: Facts are sacred – Opinion is free, beides voneinander getrennt hätte und seiner Meinung dadurch Gewicht verliehen hätte, dass er sie mit Tatsachen zu belegen versucht hätte bzw. die Tatsachen, die die Meinung anderer belegen, begründet in Frage gestellt hätte. So kommt unter der Wissenschaftlichkeit nur ein wissenschaftlich überforderter Rezensent und ein sozialdemokratischer, antikommunistischer Apologet des „Tolerierungskurses“ zum Vorschein, der sich an Tatsachen nicht zu halten weiß. Stattdessen hält er mit Unterstellungen und unbewiesenen wie unbeweisbaren Behauptungen daran fest, dass er nun einmal alles und alles besser weiß. Motto des Essays „Zur Vertreibung Erwin Eckerts aus dem Bund der Religiösen Sozialisten“, in dem mit Tatsachen die Entmachtung Eckerts im Bund detailliert belegt wird – von einer Glorifizierung Eckerts und der KPD ist dabei keine Rede(!) – ist ein altes chinesisches Sprichwort: „Wenn Du die Wahrheit suchst, halte Dich an Tatsachen.“

Es kann nicht meine Sache sein, die Gründe für die Wandlungsfähigkeit von Peters Kronzeugen Arthur Rackwitz und Aurel von Jüchen, die beide vorübergehend der SED angehörten, zu den von ihnen zuletzt eingenommenen Positionen zu untersuchen. Das zu überprüfen ist, wie schon wie der zeitlebens antistalinistische Wolfgang Abendroth im Zusammenhang mit der Wandlungsfähigkeit eines anderen „Linken“ feststellte, Sache der Psychologen. Die Trübung ihres Blicks in den Abgrund von Faschismus und Krieg, den sie selbst so entschieden und tapfer zu verhindern suchten, ist nur durch ihre spätere Wandlung zu wirklich völlig irrationalen Antikommunisten zu verstehen. Belege hierfür finden sich im Privatarchiv Erwin Eckert und können eingesehen und überprüft werden. Eine sich um Objektivität bemühende Geschichtsbetrachtung verbietet es jedoch, eine später oder früher eingenommene Position zur Richtschnur der Beurteilung des Vorausgegangenen oder Folgenden zu machen. (Siehe Abgrund, S. 592f.) Die späte, getrübte Erinnerung Jüchens, Eckert habe keinen „wesentlichen Unterschied zwischen Brüning-Regierung und Faschismus“ zu entdecken vermocht, sondern mit der Kommunistischen Partei geglaubt, „dass der Faschismus das revolutionäre Bewusstsein nur steigern und die proletarische Revolution nur beschleunigen könne“ (Aurel von Jüchen in CuS, Heft 1/1985, S.43.) ist eine Sache. Zweifellos war die von Kommunisten als unvermeidlich bevorstehend angesehene Revolution eine völlige Verkennung der Situation. Die im „Abgrund“ zitierten zeitgenössischen Äußerungen Eckerts sind jedoch eine andere Sache. Er rechnete „mit beiden Möglichkeiten, dem vorübergehenden Gelingen der kapitalistischen Reorganisation, aber auch mit dem Zusammenbruch“ (Abgrund, S. 562). Das „Gefährlichste für die proletarische Bewegung“ sei, „in Selbstüberschätzung die Macht der gegnerischen Kräfte zu unterschätzen“ (Abgrund, S. 582) Eindringlich warnte er seine Zuhörer vor dem bloßen Glauben an die „Gesetzmäßigkeit“ revolutionärer Transformationsprozesse (S.582) und gegen Revolutionsromantik (Abgrund, S. 583). So wichtig Erinnerungen von Zeitzeugen für die wissenschaftliche Forschung sind: ohne ihre Überprüfung durch zeitgenössisch belegte Quellen verlieren sie ihren wissenschaftlichen Wert und sagen mehr über die späte Betrachtungsweise des Sprechers als über den Gegenstand der Erinnerung aus.

Nach dieser Rezension bleibt nur die Feststellung, dass Peter an der ganzen Wahrheit der Geschichte des BRSD gegenwärtig offensichtlich nicht interessiert ist. Auch Kritik an Eckert und an der KPD werden schlicht übersehen, weil sie nicht ins vorgefertigte Bild passen.

Die Debatte über die Rolle des BRSD am Ende der Weimarer Republik ist durch den „Blick in den Abgrund“ und die darin enthaltene erstmalige Analyse der Entmachtung seines Vorsitzenden im BRSD in eine neue Phase getreten. Kritik ist willkommen, sie ist notwendig. Aber kein noch so fehlbares papale dixi, von wem auch immer, wird die Suche nach der Wahrheit aufhalten können. In Abwandlung eines Satzes von Johannes Harder über Christoph Blumhardt (in: Günter Ewald (Hrsg.): Religiöser Sozialismus, Stuttgart 1977, S. 21) ließe sich sagen: Der BRSD lebt nicht von Verehrung für seinen selbsternannten Hausgeschichtsschreiber und nicht von seiner eigenen Verteidigung, sondern von Herausforderungen. Kritik und Konflikte sind für ihn lebensnotwendig.
   

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2003 Download als PDF
   
 

At home and abroad.

Redebeitrag von Friedrich-Martin Balzer (Marburger Forum) am 20. März 2003 auf dem Marktplatz in Marburg vor ca. 1000 Zuhörern aus Anlaß des völkerrechtswidrigen Kriegsbeginns der USA und ihrer Verbündeten gegen den Irak

Wenn die demoskopischen Zahlenangaben aus den USA über die Unterstützung für den Bush-Krieg stimmen, dann erkläre ich mich bis zu ihrer Veränderung zu 66 Prozent zum Antiamerikaner. Ich tue dies in der Traditionslinie, in der sich nach 1939 viele Menschen in der Welt für Antideutsche erklärten.

Die „uneingeschränkte Solidarität mit den USA“ nach dem 11. September war von Anfang an in dieser rituellen Form unbegründet. Werden wir doch nicht Opfer der „weapons of mass distraction“, den Versuchen, die Bevölkerung zu belügen und zu desorientieren. Solidarität habe ich nur mit den Opfern dieses mörderischen Anschlages - wer immer die Täter waren - und der US-amerikanischen Friedensbewegung.

Anerkennung habe ich für die 180 Staaten in der UNO, die sich trotz Erpressungs- und Bestechungsversuchen dem Bush-Krieg widersetzt haben.

Und doch: Uneingeschränkte Solidarität mit der gegenwärtigen Bundesregierung kann es nicht geben. Sie vertritt in erster Linie Kapitalinteressen – at home and abroad. Wir können ihr beim „Umbau des Sozialstaates“ und der „Enttabuisierung des Militärischen“ kein Vertrauen schenken. Täten wir es, stünden wir im Kampf gegen den Abbau des Sozialstaates am Ende wehrlos da. Unsere Freiheit, unsere Interessen, werden nicht am Hindukusch verteidigt. Unsere Freiheit, unsere Interessen, werden in den Betrieben dieses Landes, auf der Straße, in außerparlamentarischen Aktionen verteidigt. Das müssen wir tun. Das kann uns keiner abnehmen.

Wir müssen aufpassen, dass der Mainstream der Friedensbewegung nicht stillschweigend zur von der Regierung wohlwollend geduldeten, ja geförderten Unterstützerkolonne wird. Die Regierungsparteien mögen im Wahlkampf und danach auf die „Friedenskarte“ gesetzt haben. Wir setzen ohne Wenn und Aber auf den Frieden zwischen den Völkern. Von den parlamentarischen Oppositionsfraktionsführungen will ich gar nicht erst reden. Sie kommen für uns nicht in Frage. Differenzierungen in allen Fraktionen und das Ausscheren Einzelner werden wir jedoch mit Sympathie beobachten. Bisweilen sind die Wortmeldungen der CSU/CDU-Hinterbänkler ja deutlicher als die der Regierungskoalition.

Verfassungsrecht und Völkerrecht werden nicht durch eine Bundesregierung verteidigt, die im Jugoslawienkrieg auf ein UNO-Mandat des Sicherheitsrates gepfiffen hat. Art. 26 GG und § 80 StGB sind geltende Rechtsnormen, an die sich auch die Bundesregierung zu halten an. Rule of law steht über den Staaten und ihren Organen. Rechtsstaat heißt nicht, dass das Recht dem Staat zu nützen hat, sondern dass das Recht den Staat in seinem Tun und Unterlassen einschränkt und kontrolliert.

Angesichts der wahren Kriegsziele der „Koalition der Willigen“ ist es pure Heuchelei, wenn die Bundesregierung den Eindruck erweckt, es ginge in der Irak-Krise ausschließlich um die Frage, ob der Irak mit friedlichen oder mit kriegerischen Mitteln zu entwaffnen sei.

Lichter- und Menschenketten sind besser als Bush-Kriege. Aber das wird nicht reichen. Was wir brauchen sind Massenproteste und in diesen Massenprotesten das Lernen über die Zusammenhänge dieser Gesellschaft und dieser Welt. Was wir brauchen, ist eine weltweite Anti-Bush-Koalition, analog, aber nicht identisch mit der Anti-Hitler-Koalition, in der für poodles, seien sie nun bellizistisch oder friedlich, kein Platz ist. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Als einer, der 1961 auf seinem ersten Ostermarsch angetreten ist, um eine andere, eine bessere Welt möglich zu machen, unterstütze ich den diesjährigen Aufruf zum Ostermarsch. Darin heißt es: Wir wollen

„Eine Welt, in der die Ursachen von Gewalt, Terror und Krieg beseitigt werden.“ (Ich füge hinzu: AT HOME AND ABROAD.)

„Eine Welt, in der Hunger, Armut, Analphabetismus, soziale Ungerechtigkeit, politische, ethnische, rassische, geschlechtliche und religiöse Diskriminierung beseitigt werden.“ AT HOME AND ABROAD.

„Eine Welt, in der die Lebensinteressen aller Menschen mehr zählen als das ökonomische Interesse der Privilegierten.“ AT HOME AND ABROAD.

„Frieden ohne Gerechtigkeit wird es nicht geben – und Gerechtigkeit lässt sich nur im Frieden verwirklichen.“

Die Wehklage von Matthias Claudius „s’ ist Krieg, s’ ist Krieg, und ich begehre nicht schuld daran zu sein“ (1779) ist wegen seiner humanistischen Motivation sympathisch. Aber Betroffenheit kann nur ein Anfang sein. Sorgen wir dafür, dass denen, die an militärischer Lösung politischer und sozialer Probleme, die an der Expansion ihrer Herrschaftsgewalt – at home and abroad - interessiert sind, sehr bald die Lust daran vergeht. Sie rechnen mit unserer Passivität und Dummheit. Ihre Rechnung darf nicht aufgehen. AT HOME AND ABROAD.

   

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2004 Download als PDF
   
 

Interview im „Neuen Deutschland“

Der Sohn von Pfarrer Samuel

Friedrich-Martin Balzer veröffentlicht das Urteil im Auschwitz-Prozess

Nach fast vier Jahrzehnten wird erstmals hier zu Lande die vollständige Urteilsbegründung im Auschwitz-Prozess veröffentlicht. Mit Herausgeber Friedrich-Martin Balzer sprach Karlen Vesper.

ND:   Wieso ist das am 19. August 1965 gesprochene Urteil des Auschwitz-Prozesses bis dato nur in Amsterdam, für Spezialisten und in geringer Auflage, aber noch nie in der BRD publiziert worden?

Balzer: Ich habe dafür keine schlüssige Antwort. Zweifellos hat der von 1963 bis 1965 in Frankfurt (Main) verhandelte Auschwitz-Prozess große Aufmerksamkeit gefunden und wurde von zahlreichen Presse-, Rundfunk- und Fernsehberichten sowie Buchpublikationen in der Bundesrepublik begleitet. In der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit spielt er eine einschneidende Rolle. Doch erst jetzt wird neben der Veröffentlichung der Urteilsbegründung auf CD-ROM auch eine vollständige Dokumentation des Prozesses - einschließlich des transkribierten Tonbandmitschnitts - durch das Fritz-Bauer-Institut (Frankfurt) vorbereitet und Ende März im Rahmen einer Ausstellung vorgestellt.

Wie sind Sie zum Thema gestoßen?

Es war nicht nur die Erinnerung an meine Teilnahme am Auschwitz-Prozess. Idee und Ausdauer bei der Ausführung fallen nicht vom Himmel. Die Anstöße mögen bis in die Kindheit zurückreichen. Mein Vater, ein Pfarrer, trug den biblischen Namen Samuel. Das brachte ihm Beschimpfungen als Jude und öffentliche Morddrohungen der sich »Deutsche Christen« nennenden Nazis ein. Nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze 1935 half er Gemeindegliedern jüdischer Herkunft zur Emigration und missbilligte von der Kanzel das Pogrom des 9. November 1938 in theologischer Verkleidung scharf. Andererseits durchschaute er nicht, dass die Öffnung der Kirchenbücher für die Ausstellung von »Ariernachweisen« Beihilfe zur Verfolgung der Juden bedeutete.

So war der Sohn Samuels also schon früh sensibilisiert?

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Klassenlehrer, später als Funktionär der Landsmannschaft Pommern mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, die Fassung verlor, als ich die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 »vorbildlich« nannte. Er packte mich und schrie: »Das waren doch Verräter!« In solchem Schulklima bedurfte es Anstöße von außen und aus anderen Kreisen der Gesellschaft. Dazu gehörte in meinem Fall 1959 auch die Sendung von Robert Neumann »Ausflüchte unseres Gewissens. Dokumente zu Hitlers >Endlösung der Judenfrage<«. Im Jahr darauf lernte ich in London einen Emigranten kennen, dessen Familie in Auschwitz umgebracht worden war. Er hat Gedichte geschrieben, die mir im Gedächtnis blieben. Kaum an der Universität, lud ich Robert Neumann nach Marburg ein. Die Veranstaltung trug den Titel »Was geht uns Eichmann an?« Schließlich machte ich 1985 in Moskau Bekanntschaft mit dem »Judenkönig von Auschwitz« und heutigen Ehrenpräsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees Kurt Goldstein. Aus dieser Begegnung entstand ein auf Video verbreitetes Porträt »Vorwärts und nicht vergessen« sowie später das Buch »Wir sind die letzten, fragt uns«.

Der Auschwitz-Prozess kam auf Initiative von Fritz Bauer zu Stande. Er hat endlich das Schweigen über die Verbrechen der NS-Zeit in der Bundesrepublik gebrochen. Aber ohne große Konsequenzen für viele der blutbefleckten Täter, die weiterhin in Amt und Würden blieben bzw. sich ihrer Pension erfreuen konnten - auch die »furchtbaren Juristen«.

Fritz Bauer, einer der wenigen antifaschistischen deutschen Juristen, hat die Eröffnung des Auschwitz-Prozesses gegen viele Widerstände ermöglicht. Der Untersuchungsrichter im Auschwitz-Prozess, Heinz Düx, nannte Bauer »eine absolut singuläre Erscheinung von historischem Rang«. Nach dem 30. Januar 1933 war Bauer zunächst im KZ; er konnte dann nach Dänemark emigrieren. Zurückgekehrt, erhob er als Generalstaatsanwalt in Braunschweig Klage gegen den Rechtsextremisten Major Ernst Otto Remer und erzielte dessen Verurteilung. Nicht die Männer des 20. Juli 1944, so Bauer, seien Verräter gewesen. Als solche hätten die zu gelten, die Hitler bis zum Ende auf seinem verbrecherischen Weg gefolgt waren. Nach dem Auschwitz-Prozess wollte Bauer Lehren der Geschichte in einem Vortrag an Schulen in Hessen und Rheinland-Pfalz verbreiten. Ein Landtagsabgeordneter und Historiker aus der Pfalz befand die Jugend dafür noch nicht reif genug. Sein Name: Helmut Kohl.

Erst über 30 Jahre nach dem Auschwitz-Prozess wurde begonnen, über die »willigen Vollstrecker« zu diskutieren; Daniel Goldhagen spricht von einer Kollektivschuld. Im Auschwitz-Urteil ist von konkreter individueller Schuld die Rede?

Goldhagen hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass der Kreis der Täter und Mitwisser erheblich größer war als bis dahin eingestanden. Seine Kollektivschuldthese führt dagegen in die Irre, da er die Widerstand leistenden Deutschen ignoriert. Zudem: Goldhagen weist auf die große Zahl williger Vollstrecker des verbrecherischen Faschismus hin. Wessen williger Vollstrecker aber Hitler selbst war, interessiert ihn nicht. Unglaubwürdig wurde Goldhagen, als er der BRD für die Auseinandersetzung mit dem Nazireich den großen Persilschein ausstellte.

Wolfgang Abendroth hingegen, mein akademischer Lehrer in Marburg, fragte schon während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem: »Waren die Massenerschießungen von Juden, die sofort nach dem Überfall des Dritten Reiches auf die UdSSR begonnen haben, waren die Vergasungslager in Polen ohne das Vordringen der Armeen des Dritten Reichs denkbar? Haben deren Generale nicht gewusst, was unter dem Schutz ihrer Truppen geschah? Haben die Diplomaten, die dem Dritten Reich dienten, haben die Richter, die diese Armee gegen >Wehrkraftzersetzung< schützten, haben die Ministerialbürokraten, die die Verordnungen und Gesetze gegen die Juden schufen oder kommentierten, haben die Professoren, die Verteidigungsideologien für das Dritte Reich verfassten, nicht gewusst, welchem System sie damit gedient haben? Haben die Wirtschaftsführer, die an den Gefangenen der Konzentrationslager verdienten und das Vergasungsmittel geliefert haben, keine Schuld an diesen Verbrechen?«

Die Richter im Auschwitz-Prozess konnten diese Fragen nicht beantworten, sondern nur Impulse zum Bewusstseinswandel bewirken. Das Schwurgericht hat einen riesigen Beitrag zur historischen Aufklärung geleistet, hatte sich aber an Strafrechtsbestimmungen, die zum Tatzeitpunkt galten, zu halten und unterlag der geltenden Strafprozessordnung.

Abendroths Fragen hat die DDR-Historiografie zu beantworten versucht.

Bei allen Verdiensten der DDR-Geschichtswissenschaft um den Nachweis von Entstehungsbedingungen und Funktion des Faschismus - auch sie hat sich erst mit dem Eichmann- und Auschwitz-Prozess den Verbrechen des Holocaust stärker zugewandt.

Wird die Veröffentlichung des Urteils, relevant zweifellos für die Forschung, auch Jugendliche ansprechen?

Das Urteil enthält geprüfte Beweise für die exemplarischen Verbrechen in Auschwitz, Argumente mithin gegen alles Leugnen und Verharmlosen. Es ist für heute Heranwachsende von großer Bedeutung, weil die Gefahr besteht, dass ihnen der Faschismus so weit entrückt wird wie der 30-jährige Krieg. Bleibt die Hoffnung, dass das Urteil nicht nur auf der CD, sondern auch als Buch erscheinen kann. Überlegungen dafür und die Suche nach Sponsoren sind im Gange.

In: Neues Deutschland vom 27.1.2004
   

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Leserbrief an die „junge Welt“

Sylvia Yvonne Kaufmann, (jW vom 31.5.2005), die vor ihrer Wahl zum Europaparlament sich der Mehrheit der PDS in ihrer Ablehnung der EU-Verfassung nur scheinbar und irreführend beugte, ist entschieden zu widersprechen, wenn sie nach dem Nein der französischen Volksmehrheit sich erneut zur EU-Verfassung bekennt.

Frau Kaufmann und die Berliner PDS-Senatoren übersehen, dass das Hauptproblem der EU-Verfassung die Frage nach der Demokratie und der Implementierung von Aufrüstung und Neoliberalismus in diese Verfassung ist. Dies bedeutet, dass die nationalen Parlamente durch die EU-Verfassung verpflichtet werden, nur solche Gesetze zu verabschieden, die sich im Einklang mit der Philosophie der „freien Marktwirtschaft“ befinden. Kein Parlament wird in die Lage versetzt, Grundsatzentscheidungen der EU-Verfassung zu revidieren. Warum aber sollten EU-Bürger Gesetzen gehorchen, deren Gesetzgeber sie weder wählen noch abwählen können?

Natürlich will keiner zurück zum Nationalismus der Vergangenheit, der Europa in zwei Weltkriege mit Millionen Toten stürzte. Wer will für Europa auch schon eine Verfassung wie in den USA mit einem Präsidenten, einem Senat und einem Abgeordnetenhaus, die die Mitgliedsstaaten der EU zu Provinzen wie zum Beispiel Kalifornien und Texas machen. Natürlich müssen die Mitgliedsstaaten der EU, in Ost und West, miteinander kooperieren und ihre Politik harmonisieren. Aber dies kann, so langsam und kompliziert dieser Prozess auch ist, nur geschehen durch jeweilige Beschlüsse der gewählten Parlamente in den Mitgliedsstaaten. Was wir brauchen, ist ein „Commonwealth of Europe“ (Tony Benn im GUARDIAN vom 26.5.2005)) mit einer Generalversammlung, einem Ministerrat und einem Generalsekretär nach dem Vorbild der Vereinten Nationen.

Wer die jetzige EU-Verfassung ablehnt, ist ebenso wenig ein Antieuropäer wie die Opposition gegen Maggi Thatcher und Angie Merkel antibritisch bzw. antideutsch ist. Nationale Identitäten müssen im Interesse der Demokratie erhalten bleiben, wie der Widerstand der Deutschen gegen den Faschismus nicht antideutsch, sondern eben antifaschistisch war.

Nach der klammheimlichen Streichung von Art. 27 der NRW-Landesverfassung vom 28. Juni 1950 (also nach der Verabschiedung des Grundgesetzes!) „Großbetriebe der Grundstoffindustrie und Unternehmen, die wegen ihrer monopolartigen Stellung besondere Bedeutung haben, sollen in Gemeineigentum überführt werden“ (Satz 1) und „Zusammenschlüsse, die ihre wirtschaftliche Macht missbrauchen, sind zu verbieten“ (Satz 2) ist die FDP seit Jahren darum bemüht, Art. 14. Abs. 3 und Ar. 15 GG „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ (Art. 15, Satz 1) aus dem Grundgesetz zu streichen. Jeder, der den Boden der sozialstaatlichen, ja sozialistischen Elemente des Grundgesetzes für die weitere verfassungsgemäße Arbeit erhalten will, ist verpflichtet, die Aushebelung dieser Verfassungssätze durch die europäische Überverfassung zu verhindern.

Selbst an den nach der Remilitarisierung Westdeutschland in das Grundgesetz hineinpraktizierten Bestimmungen über den Einsatz der Bundeswehr im „Verteidigungsfall“ ist - gegenüber den Plänen der EU nach „Eingreiftruppen“ überall auf der Welt - festzuhalten. Nach Art. 115a liegt der „Verteidigungsfall“ nur vor, wenn festgestellt wird, dass „das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht“.

Die Konzeption, dass ein starkes Europa ein Gegengewicht gegen die USA sein müsse, geht ins Leere, da die USA inzwischen mehr mit der Konkurrenz Chinas als mit der Europas rechnen und methodische Abweichungen noch lange keine Unterschiede in der Zielprojektion der imperialistischen Neuverteilung der Welt nach dem Untergang alternativer Hoffnungen markieren.

Um einen mäßigenden, bremsenden Einfluß auf Bush und die Neocons auszuüben, kommt es darauf an, das ganze Gewicht Europas in die Waagschale der Vereinten Nationen zu werfen, damit entsprechend der Charta der Vereinten Nationen diese zu einer Macht des Friedens wird.

Der wissenschaftliche Politiker Wolfgang Abendroth stellte 1927 seinem Aufsatz über „Paneuropäische Illusion oder sozialistische Realpolitik“ ein Zitat von Kurt Hiller als Motto voraus, an dessen Richtigkeit sich bis heute nichts geändert hat: „Der Paneuropäismus wäre abzulehnen, wenn er blutiger Kontinentalimperialismus wäre“ (FSJ, 1927, H. 1, S.7).

Ist es ein Zufall, dass Deutschland, Italien und Spanien die EU-Verfassung bereits ratifiziert haben? Im Zweifel, wem mehr in Europa zu trauen ist, gehört unsere Hoffnung den Ländern in Europa, die eine siegreiche bürgerliche Revolution aus eigener Kraft auf die Beine gebracht haben und das Volk, von dem auch laut Grundgesetz „alle Staatsgewalt“ ausgeht, an der Ratifizierung der EU-Verfassung beteiligen.

Die Ratifizierung der EU-Verfassung durch 95% der Abgeordneten des Deutschen Bundestages wird in der deutschen Geschichte zahlenmäßig nur durch die 100%ige Zustimmung der Reichstagsabgeordneten für die „Friedensresolution“ Hitlers am 17. Mai 1933 übertroffen, als auch alle Reichstagsabgeordneten der SPD - die rechtmäßig zustande gekommenen Mandate der KPD waren bereits verfassungswidrig kassiert worden - wenige Wochen vor dem Verbot der eigenen Partei der Illusion der „Friedenspolitik“ des Faschismus erlagen.

Das Nein der Mehrheit der Franzosen eröffnet die Chance, sich den Gefahren der Verzerrung der demokratischen Willensbildung durch die gewählten Repräsentanten demokratisch zu erwehren und endlich eine breite Debatte über die EU-Verfassung in diesem Lande zu eröffnen. Das Nein der Franzosen ist alles andere als „ein Pyrrhussieg für die Linken“, wie Frau Kaufmann meint erklären zu müssen. Es bietet hingegen die Chance, ein Bündnis der Demokraten, Sozialisten und Kommunisten zu schmieden, weil der Hauptfeind von Demokratie, Frieden und sozialem Fortschritt eingedenk der Parole von Karl Liebknecht nach wie vor im eigenen Land steht.

Friedrich-Martin Balzer
 
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  Leserbrief an die junge Welt vom 19. April 2008

Btr.: Erich Hahn. Auf den Kopf gestellt. Dutschkes Bild von Lenin und Lukács: Eine unvollendete Kontroverse um Partei und Klassenbewußtsein, in: jW vom 16.4.08, S.10f.

Überschätzt

Mir scheint, bei aller notwendigen Erinnerung an das Jahr 1968 und das Attentat auf Rudi Dutschke, daß dieser Führer des West-Berliner SDS doch inhaltlich und politisch überschätzt wird.
Weder Wolfgang Abendroth noch Helmut Ridder, die beiden herausragenden strategischen Köpfe der demokratischen Bewegung in der alten BRD, haben Rudi Dutschke besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Beiden; Abendroth und Ridder, war der Kampf gegen die Entdemokratisierung der BRD (Notstandsgesetze, Berufsverbote, politisches Strafrecht etc.) wichtiger als Dutschkes Theoretisieren über „asiatische Produktionsweisen“. Bei Ridder findet Dutschke auf den 2841 Seiten, die er von 1960 bis 2005 zur Orientierung der kritischen Intelligenz geschrieben hat, nur ein einziges Mal Erwähnung, nämlich aus Solidarität mit dem Opfer Dutschke. Bei Abendroth wird Dutschke auf den 3295 Seiten seiner politischen Publizistik in den Jahren von 1963 bis 1985 12mal namentlich erwähnt, vor allem als „Opfer des Polizeiterrors und des Meinungsterrors des Springer-Konzerns“.

Doch die Kritik Abendroths an Dutschke überwiegt die Solidarität. Im Gegensatz zu Dutschke verwies der „Traditionalist der Arbeiterbewegung“ Wolfgang Abendroth immer wieder darauf, „daß rationale politische Ergebnisse nur durch die Kombination außerparlamentarischer Mobilisierung und Durchsetzung in den Institutionen der vorhandenen Gesellschaft, also auch des vorhandenen Staates, also auch im Parlament, erzielt werden können“.

Was Dutschke und Abendroth unterschied, war auch Dutschkes ablehnende Haltung gegenüber der DDR. Abendroth bedauerte, daß durch den Einfluß Dutschkes die wenigen, „die Marx wirklich kennenlernen wollten oder gar kannten“, bald relativ isoliert wurden und als „Traditionalisten“ aus dem SDS ausscheiden und die Gründung des MSB (Spartakus) vorbereiten mußten, aber auch bald im SHB vordrangen.

Besonders bitter war die Erfahrung, die Abendroth mit Dutschke auf einer Massenveranstaltung des Berliner Vorbereitungskomitees für das Dritte Internationale Russel-Forum in der Technischen Universität in Berlin am 19.11.1977 machen mußte, als dieser versuchte, das Russell-Tribunal in eine Paralleluntersuchung der demokratischen Diskussionsfreiheit in der DDR und den sozialistischen Staaten umzufunktionieren, „also in ein völlig anderes Thema, das bekanntlich in der BRD gleichzeitig ständig als Unterstützungsmittel für antidemokratische Unterdrückungsmethoden herangezogen wird“. Abendroth hielt das „für politisch falsch und deshalb untragbar“.

Abendroth stellte nach dieser bitteren Erfahrung mit Dutschke für seine weitere Mitwirkung als Gutachter bzw. sachverständiger Zeuge im Russel-Tribunal die Bedingung, daß unter Mitwirkung des Hamburger Zentralbüros der Antiberufsverbote-Komitees und der Vereinigung demokratischer Juristen ausgeschlossen werden müsse, die jede die Demokratie verteidigende Bewegung in der BRD durch innere Spaltung zu gefährden.

Fazit: die Lektüre der politischen Publizistik von Abendroth und Ridder ist zweifellos lohnender als romantisierende, sentimentale Überhöhungen eines Studentenführers, von dem für die Zukunft nicht viel zu lernen ist.

Auch die Marburger Wortführer und Aktivisten des damaligen SDS, Frank Deppe (*1941), Georg Fülberth (*1939), Dieter Boris (*1943) und Kurt Steinhaus (1938-1991), der am 21. Januar 2008 70 Jahre alt geworden wäre, verdienen gewiß mehr Aufmerksamkeit – auch im neugegründeten SDS – als Rudi Dutschke.



Leserbrief an die junge Welt vom 12. Juni 2008 Verwirrend. Leserbrief an jW

Btr.: Hans Heinz Holz. Nicht nur ein Häuflein. jW vom 9.6.

Aus eigener Zeitzeugenschaft und Kenntnis der Zeitgeschichte kann ich Hans Heinz Holz in seiner Kritik an den Positionen von Marcus Hawel (Zeitzünder jW vom 30.5.08) weitgehend zuzustimmen.
[Meine Abiturientenverabschiedungsrede aus dem Jahre 1960 enthielt bereits zahlreiche Topoi der Studentenbewegung (siehe Konrad Hugo Jarausch, After Hitler: Recivilizing Germans 1945-1995, Oxford University Press 2006, S. 163f.) Als Mitglied des Marburger SDS gehörte ich der AG „Notstandsopposition“ an. Wir zogen mit unserem „Baukastenreferat“ über die Lande, um die Bevölkerung über die Gefahren der Notstandsverfassung aufzuklären. Als junger Referendar war mein erster Urlaubsantrag an die Schulleitung im Februar 1968 wegen Teilnahme am Vietnam-Kongreß in Berlin. Im Mai 1968 bot ich dem von RCDS-nahen Schülern eingeladenen CDU-Stadtverordneten und späteren Bundestagsabgeordneten Hans Wissebach (ehemaliger SS-Untersturmführer in der 1. SS-Panzer-Divison Leibstandarte Adolf Hitler und Schriftführer der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS HIAG) auf einer Schulvollversammlung in der Turnhalle zum Thema Notstandsgesetze Paroli. Ergebnis der Auseinandersetzung an der Schule war die Teilnahme einer handvoll linker sozialdemokratischer Kollegen und einer Beteiligung von ca. 60 Schülern am Sternmarsch nach Bonn am 11. Mai 1968 – zusammen mit ca. 700 Marburgern, die sich am Sternmarsch in Bonn beteiligten. Als Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft Sozialistische Opposition“ (ASO) trugen wir die Notstandsopposition unter der von Wolfgang Abendroth ausgegebenen Parole „Laßt den Notstand nicht nach Marburg rein“ und unter Federführung von Eberhard Dähne in den Kommunalwahlkampf im Oktober 1968].

Das von Hawel gebotene Gemisch aus pausbäckigen, revolutionär klingenden Perspektiven, sozialdemokratischen Reinwaschungen, Attestaten à la Habermas über die „Fundamentalliberalisierung“ seit 1968, Vergeßlichkeiten über die unrühmliche Rolle Peter von Oertzens, der 1979 ausgerechnet Wolfgang Abendroth bei den Vorständen der 16 damaligen Einzelgewerkschaften als „Verfassungsfeind“  zu denunzieren suchte, die Einengungen auf die APO als Hauptträger der Notstandsopposition ist höchst verwirrend. Wie Hans Heinz Holz zu Recht korrigiert, entspricht das von Hawel gezeichnete Bild von der Notstandsopposition nicht der historischen Wahrheit.

In einem Punkt ist Holz jedoch zu widersprechen. Hawel hatte fälschlicherweise geschrieben, der im Zusammenhang mit der Verabschiedung der Notstandsverfassung ins Grundgesetz hineinpraktizierte Art. 20 Abs. 4 GG sei ein „Zugeständnis gegenüber der APO“ gewesen. In Wahrheit handelte es sich um eine Täuschung des sozialdemokratischen Koalitionspartners in der Großen Koalition, weil der Eindruck erweckt wurde, notfalls könne sich nach mißbräuchlicher Anwendung von Notstandsverfassung und einfachen Notstandsgesetzen die Opposition der herrschaftsunterworfenen Bürger auf das in Art. 20 Abs. 4 angeblich positivierte „Widerstandsrecht“ berufen. In Wahrheit war die Hinzufügung von Art. 20 Abs. 4 eher ein „zusätzliches Staats- und Systemschutzinstrument“ neben dem demokratiewidrigen Parteienverbot in Art. 21.2 GG und der Verwirkung von Grundrechten in Art. 18 GG. Sie war eine normative (Spät-)Geburt aus dem „Geist“ der „abwehrbereiten Demokratie“, wie bei Helmut Ridder, dem Motor der Antinotstandsbewegung, der bei Hawel mit keinem Wort Erwähnung findet, in seinem Alternativkommentar zum Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, 2. Auflage, Neuwied 1089, S. 1491-1499) nachzulesen ist. Zur Erinnerung: Der Text von Art. 20 Abs. 4 lautet: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht auf Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ (Hervorhebung FMB) Die Formulierung „diese Ordnung“ findet sich schon im verfassungsrechtlich von Abendroth und Ridder angefochteten KPD-Verbotsurteil von 1956. Die „von Protestbewegungen in das Widerstandsrecht des Art. 20 Abs. 4 gesetzten Erwartungen“ sind nach Ridder, dem Vorsitzenden des Kuratoriums „Notstand der Demokratie“  auch „juristisch falsch“. Das scheinbare  Widerstandsrecht des Art. 20 Abs. 4 ist in Wirklichkeit eine „Bereicherung des juristischen Instrumentariums restaurativer Staatsbewahrung“, nicht ein Ausfluß des in allen westeuropäischen Demokratien praktizierten Rechts auf demokratische Opposition. Auf diese Illusionen, mit denen schon die linken SPD-Parlamentarier erfolgreich geködert wurden, um sie zur Zustimmung zur Notstandsverfassung zu bewegen, fällt nun auch Hans Heinz Holz herein, wenn er unter Berufung auf Art. 20 Abs. 4 GG die Erwartungen eines Hans Jürgen Krahl für „nicht überzogen“ hält.
Revolution kann und will nach Ridder keine „Legalität“ in Anspruch nehmen. Schon die Niederschlagung des Kapp-Putsches von 1920 mit Hilfe des damals ausgerufenen allgemeinen politischen Streiks erfolgte nicht auf Grund eines entsprechend kodifizierten Rechts der Weimarer Reichsverfassung.

Aber die Deutschen wollen immer das Recht auf ihrer Seite haben. Lenin hat sich bekanntlich über diesen Hang der Deutschen in seinem berühmten Wort von ihrem Wunsch nach Erwerb einer Bahnsteigkarte vor Besetzung der Schienengleise lustig gemacht. Die Berufung auf Art. 20 Abs. 4 GG ist wertlos. Hans Heinz Holz sollte dieser Irreführung nicht aufsitzen und dem Mißverständnis des Hans Jürgen Krahl entgegentreten, als habe es sich bei dem in Art. 20 Abs. 4 normierten Widerstandsrecht um eine demokratische Errungenschaft gehalten, auch wenn sich noch so viele konservative Historiker wie Graf Schenk von Stauffenberg darauf beriefen, um die überwiegend keineswegs demokratisch inspirierten Verschwörer des 20. Juli 1944 nachträglich gegen Widerstände zu rechtfertigen.
Gekürzt um die in eckige Klammern gesetzte Passage in der jungen Welt vom 12. Juni 2008

 
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  Christliche Quereinsteiger haben es in der DKP schwer

Zwischenruf vom 10. Oktober 2009

In den Marxistischen Blättern wurden kürzlich die Bücher von Robert Steigerwald „Das Haus am Sandweg. Eine sozialistische Familienchronik, Essen 2009“, und Herbert Mies „Mit einem Ziel vor Augen. Erinnerungen, Berlin 2009“ von Thomas Metscher (02/09) bzw. Nina Hager (04/09) besprochen. In beiden Büchern kommt der „kommunistische Christ“ (Helmut Ridder) Erwin Eckert zur Sprache. Als Nachlaßverwalter von Erwin Eckert äußere ich mich, die positiven Seiten dieser Literatur außer Acht lassend, ausschließlich zu dem Aspekt der Spiegelung von Eckert in diesen beiden Büchern.
Bei Steigerwald heißt es: „Der Figur Hans Wernleins habe ich Ereignisse (Hervorhebung FMB) aus dem Leben Erwin Eckerts, des langjährigen Vorsitzenden des Bundes religiöser Sozialisten in Deutschland zugeschrieben, er wurde allerdings nicht hingerichtet.“ Mit diesem Einfall wird die Tätigkeit Eckerts nach 1945 abgeschnitten. Dabei gilt Eckert nach Max Reimann als der populärste kommunistische Arbeiterführer zwischen 1945 und 1949.

Bei Steigerwald wird der Eindruck erweckt, daß mit Ausnahme der Hinrichtung die übrigen Ereignisse durchaus dem Leben Eckerts entstammen. Tatsächlich werden nicht nur reale und erfundene Ereignisse, sondern Aussagen Eckerts in die fiktive Person Wernleins montiert. Dieser steht für die „kleinbürgerlich-bürgerliche Linie“ (Metscher), während Steigerwald sich selbst und seine Familie in die „plebejisch-proletarische Linie“ (Metscher) einordnet. Der reale Eckert entstammt einer Familie der Vorkriegssozialdemokratie und vertritt konsequent die proletarische Linie im ansonsten überwiegend kleinbürgerlich-bürgerlichen Bund der Religiösen Sozialisten. Mit ca. einem Dutzend ausführlicher Zitate von Eckert hantiert Steigerwald mit der erfundenen Person des Hans Wernlein. Die Verpflanzung von Eckert-Zitaten in das Lebensbild Hans Wernleins geht auf Kosten der historischen Einmaligkeit Eckerts. Nicht Eckert tritt der KPD bei, sondern der Pfarrer Hans Wernlein.

Daß sich beide, Wernlein, der in die KPD eintritt, und Eckert, der als erfundener Mentor von Wernlein bereits in den 20er Jahren ausgeblendet wird, auch noch persönlich im Roman begegnen, ist eine Dramaturgie, die nicht überzeugen kann. Sie stehen im Briefverkehr, treffen sich auf einem fiktiven Kirchentag 1928, der mit Eckert-Zitaten aus dem tatsächlichen Kirchentag 1930 in Nürnberg unterlegt wird. Damit wird Eckerts Rede gegen die antisowjetische Kriegshetze, die des einzigen gewählten sozialdemokratischen Abgeordneten, unhistorisch eingeordnet und zudem dem Kleinbürger Hans Wernlein statt der proletarischen Linie Eckerts zugeschrieben. Literarische Freiheit hin oder her, als literarische Erinnerung an Erwin Eckert ist der im übrigen lesenswerte Roman ungeeignet.

Wie in jedem vergleichbaren Land gibt es auch in der deutschen Geschichte kleinbürgerlich-bürgerliche, großbürgerliche und proletarische Linien, wobei sich der Sonderweg der deutschen Geschichte durchaus von dem anderer Länder mit deutlich größerer demokratischer Tradition unterscheidet. Nur wer Klassengegensätze in der Kirche zu allen Zeiten verkennt, kann Eckert, den Begründer des „Bundes evangelischer Proletarier“ (1920), nicht zur proletarischen Linie zählen. In dem von ihm mitbegründeten „Bund der Religiösen Sozialisten Deutschland“ (1926) hat Eckert stets die proletarische Linie vertreten, wobei die kleinbürgerlich-bürgerlichen Strömungen im Bund in der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise 1931ff. letztlich die Oberhand gewannen und Eckerts proletarischer Linie nicht mehr folgten. (Übrigens ist auch die Internationale proletarischer Freidenker zu dieser Zeit auseinandergebrochen.) Wer wie Eckert nach einem Gespräch u. a. mit Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck in die KPD aufgenommen wurde, ohne daß ihm Auflagen hinsichtlich seines Pfarramtes gemacht wurden, wer wie Eckert Auftaktkundgebungen für Ernst Thälmann gemäß der Tageslosung „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ bestritt, wer mit Albert Norden von der „Roten Fahne“ am 22. Januar 1932 auf einer überfüllten LLL-Versammlung in Oberschönweide von proletarischen Massen umjubelt auftrat, der kann unmöglich zur kleinbürgerlich-bürgerlichen Linie gezählt werden. Der historisch einmalige Weg des Pfarrers Erwin Eckert „Von der Kanzel zur KPD“ sollte nicht – wie bei Steigerwald geschehen – der erfundenen kleinbürgerlich-bürgerlichen Figur eines Hans Wernlein angedichtet werden. Auf Hunderten von Massenkundgebungen hat Eckert seit 1931 vor Hunderttausenden sein Bekenntnis zum Proletariat und seinen Widerstand gegen den heraufziehenden Faschismus unter Beweis gestellt. 1933 war er bereit, Deutschland – notfalls auch mit der Waffe in der Hand – vor dem Faschismus zu retten. Mit dem Kommunisten Wolfgang Langhoff, dem Verfasser des „Moorsoldatenliedes“ teilte er die Zelle in Düsseldorf. In Frankfurt gehörte er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Oktober 1933 zusammen mit Lore Wolf, Johanna Kirchner, Wolfgang Abendroth und vielen anderen zum Arbeiterwiderstand in Frankfurt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus 1940 gehörte er zu den wenigen Deutschen, die sich unter Einsatz ihres Lebens um das Los der Zwangsarbeiter kümmerten. Bei der Oberbürgermeisterwahl 1949 schenkten fast 35 % der Mannheimer dem proletarischen Kandidaten der KPD, – gegen den Gemeinschaftskandidaten von SPD, CDU und FDP – ihr Vertrauen. In den proletarischen Wahlbezirken 88 und 89 auf der Schönau waren es allein 59,8 bzw. 63,8 Prozent. (Mies, Mit einem Ziel vor Augen, S. 77) Nach der Verurteilung Eckerts 1960 wegen „Rädelsführerschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation“, gemeint war das Friedenskomitee der Bundesrepublik Deutschland, lebte Eckert höchst bescheiden in Großsachsen. Seine Wohnung, die unter dem Standard so mancher plebejisch-proletarischer Wohnverhältnisse lag, enthielt ein Porträt Lenins und die gerettete Madonna eines in den Schützengräben von Verdun umgebrachten Soldaten.

Es ist eine Verzeichnung des Weges von Erwin Eckert, ihn der kleinbürgerlich-bürgerlichen Linie zuzurechnen, es sei denn, sein Festhalten am „christlichen Glauben“ sei als Begründung hinreichend. Es gibt unter den wissenschaftlichen Atheisten und vor allem unter den Allerweltsatheisten eine Vielzahl von Menschen, die ihm das Wasser, was proletarische Konsequenz betrifft, nicht reichen können. Es gibt kommunistische Parteien, die bei allem wissenschaftlichen Atheismus auch nicht gefeit sind gegen Fehler. Und es gibt Wegscheiden in der Geschichte der Arbeiterbewegung, an denen Eckert gegenüber den herrschenden Auffassungen in der KPD Recht behielt (siehe die Rede, die Eckert bei seinem Übertritt in die KPD am 9. Oktober 1933 in Karlsruhe hielt. In: „Ihr Kleingläubigen, warum seid Ihr so furchtsam“, Bonn 1993).

Fazit: Die von Steigerwald gewählte Mixtur von Roman, Autobiographie, Chronik oder Sachbuch geht nicht auf. Entweder wird reale Geschichte oder ein Roman geschrieben, und wenn es ein Roman sein soll, dann soll es auch es bei allen Anklängen an historische Realien bei einer Fiktion bleiben und nicht zu einem Mix kommen, der die angesprochene Figur dann doch beschädigt. In diesem Fall beschädigt die Unterfütterung des kleinbürgerlich-bürgerlichen Hans Wernlein mit Eckert-Zitaten die proletarische Linie Erwin Eckerts. Die ständige Mischung von Erfindung und Wirklichkeit geht folglich zu Lasten der historischen Realität und der Identität Erwin Eckerts in dem ansonsten lesenswerten Beitrag Steigerwalds zur „Deutschen Ideologie des 20. Jahrhunderts“.

In der Autobiographie von Herbert Mies wird Eckert, der nach 20 Jahren Mitgliedschaft in der SPD (auf dem linken Flügel, der „Klassenkampfgruppe“ stehend) am 3. Oktober 1931 als erster amtierender Pfarrer zur KPD übertrat, sein Pfarramt verlor und aus der Kirche austrat, zwar im Gegensatz zu manchen anderen führenden Kommunisten erwähnt und mit einer Kurzbiographie vorgestellt, allerdings mit dem unrichtigen Todesjahr 1968 statt 1972. Das Bild, das Mies von Eckert zeichnet, ist in seiner Bewertung letztlich ein Zerrbild. Zunächst wird Eckert von Mies in einem Atemzug mit Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller genannt, weil er als kommunistischer Pfarrer – wie die beiden Vorgenannten „auch“ – ihm die Augen öffnete (S.33). Die Reihung, die Mies wählt, mag aus seiner Sicht eine ehrende sein. Tatsache ist: Zwischen den bürgerlichen Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer und dem Autor des Buches „Vom U-Boot zur Kanzel“ (1934) und Lenin-Friedenspreisträger (1967) Martin Niemöller; der nun wahrlich kein Antifaschist gewesen ist und auch noch nach 1945 seine freiwillige Meldung aus dem Konzentrationslager Dachau zur Kriegsmarine (1939) mit dem „peinlich-fatalen Satz“ (Hanfried Müller) „right or wrong my country!“ rechtfertigte, weil es – auch im Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion – darum gegangen sei, „das Vaterland zu verteidigen“, einerseits und dem antifaschistischen und revolutionär-sozialistischen Eckert andererseits liegen Welten. Nicht alle, die in bürgerlichen oder kommunistischen Kreisen zeitweise hoch im Kurs standen, gehörten der proletarischen Linie an. Mies beruft sich an anderer Stelle (S.79) auf eine Mahnung Eckerts aus dem Jahre 1920 „Die evangelische Kirche darf nie mehr den Krieg predigen. Sie soll künden von den Kanzeln und bei allen Gelegenheiten – Völkerversöhnung und Völkerfrieden“. Wird hier nicht das Bild eines bloß fortschrittlichen Friedenspfarrers und Bündnispartners gezeichnet?

Ein anderer Mannheimer wußte es besser. DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann schreibt in seinen Memoiren „Mannheim, Madrid Moskau“ (Berlin 1981), in denen er sich auf 10 Seiten (S. 152-161) an Pfarrer Eckert erinnert, Eckert habe 1929 als linker Sozialdemokrat die Militärfrage „konsequent vom Standpunkt des Proletariats aus“ zu beantworten gesucht. Das Recht zur Verteidigung habe nur die proletarische Klasse selbst. Deshalb sei die proletarische Selbstverteidigung des Sowjetstaates auch zu bejahen, die Militärpolitik der bürgerlichen Weimarer Republik aber konsequent abzulehnen und zu bekämpfen.

Hoffmann schließt seine Erinnerungen an Eckert mit den Sätzen: „Meine Bekanntschaft mit Pfarrer Eckert, vor allem unser Gespräch über Lenins Auffassungen zum Verhältnis zwischen Arbeiterbewegung und Religion, war für mich noch in anderer Hinsicht bedeutungsvoll. Mir wurde bewußt, daß man im politischen Kampf ohne gründliche theoretische Kenntnisse nicht bestehen kann.“(S.162, Hervorhebung FMB)

Sicher, durch das Festhalten an seinem christlichen Glauben hat Eckert den Marxismus-Leninismus „ergänzt“. Aber ist er deshalb zum „Revisionisten“ geworden, zum kleinbürgerlichen Revolutionär und „Friedenspfarrer“? Schon 1931 hielt Eckert dem jungen Heinz Hoffmann entgegen, was Lenin in „Sozialismus und Religion“ geschrieben hatte: „Die Einheit dieses wirklich revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel. Das ist der Grund, warum wir in unserem Programm von unserem Atheismus nicht sprechen dürfen; das ist der Grund, warum wir den Proletariern, die noch diese oder jene Überreste der alten Vorurteile bewahrt haben, die Annäherung an unsere Partei nicht verwehren und nicht verwehren dürfen. Die wissenschaftliche Weltanschauung werden wir immer propagieren, und die Inkonsequenz irgendwelcher ‚Christen’ müssen wir bekämpfen; das bedeutet aber durchaus nicht, daß man die religiöse Frage an die erste Stelle rücken soll, die ihr keineswegs zukommt…“ (In: Werke, Band 10, Berlin 1964, Seite 74) Hans Heinz Holz zog in der Festschrift zum 100. Geburtstag von Erwin Eckert den Schluß, daß Erwin Eckert „ein guter Kommunist, aber im Grunde mehr noch ein besserer Christ“ gewesen ist. („Achtung für eine Aporie“, In: „Ärgernis und Zeichen. Sozialistischer Revolutionär aus christlichem Glauben“, Bonn 1993).

Erwin Eckert gehört zur kommunistischen Weltbewegung, so wie Jacques Roux zur Französischen Revolution. Zeugnisse für sein Wirken in Wort und Tat liegen hinreichend vor (siehe www.friedrich-martin-balzer.de, dort u. a. auch das Quiz zu Eckert, das alle Legenden, Mißverständnisse und Verzerrungen, wonach Eckert nicht in der Tradition der marxistischen Arbeiterbewegung gestanden hätte, widerlegt). Nach Kurt Gossweiler war die Position des Noch-Sozialdemokraten Eckert im Jahre 1930 („Opposition, nicht Koalition“, siehe Nachdruck in der UZ vom 18. 11. 2005) „klarsichtiger und konsequenter als alles, was sonst von linken Sozialdemokraten aus dieser Zeit, seine Freunde Rosenfeld und Seydewitz eingeschlossen, bekannt ist.“

Den Lesern der Marxistischen Blätter sei nach der Lektüre der beiden genannten Bücher in Erinnerung gerufen, woran die DKP 1972 in ihrer Todesanzeige zu Eckert festzuhalten suchte: „Erwin Eckert, sein kämpferischer Geist, seine Hingabe zur Sache der Arbeiterklasse und sein unbeugsames Eintreten für die Ideen von Marx, Engels und Lenin werden uns immer Vorbild sein.“
 
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